Bogotá

Bogotá

Raus aus der Komfortzone und rein ins Unbekannte: Glücklicherweise wird uns der Start unserer Weltreise durch die Anwesenheit eines guten Freundes in Bogotá erleichtert. Hernán kenne ich noch aus meiner Zeit in Berlin. Inzwischen wohnt und arbeitet er wieder in Kolumbien und er hat uns sofort angeboten, dass wir bei ihm unterkommen können. So lange wir wollen und: “Mi casa es su casa.” So werden wir auch mit beispielloser Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft empfangen und können unser Glück kaum glauben, als wir nicht nur ein eigenes Zimmer, sondern auch eine warme Mahlzeit bekommen. Dass wir Dank Hernán nicht einmal die Fahrt vom Flughafen zu seiner Wohnung allein überstehen mussten war ebenfalls Gold wert. Nichts ist schöner, als ein freundliches, bekanntes Gesicht am Flughafen zu entdecken, oder?

Außerdem wurden wir von Hernán in das Bussystem Bogotás und die Obstwelt Kolumbiens eingewiesen. Ersteres ist nach zwei Tagen leichter zu durchschauen, als gedacht. Auf letzteres hatten wir uns bereits so sehr gefreut und nichts, aber auch gar nichts bleibt hinter den Erwartungen zurück. Hier schmeckt uns beiden sogar Papaya!

La Candelaria

Nach einem umwerfenden Frühstück mit Obst und heißer Schokolade (typisch kolumbianisch – Jan ist im siebten Himmel!) haben wir uns am nächsten Tag ins Getümmel Bogotás gestürzt. Und was für ein Getümmel! Zugegeben, die Stadt ist deutlich leiser als beispielsweise südostasiatische Großstädte zu sein pflegen. Der Verkehr erschien mir ebenfalls gelenkter. Dafür ist die Rücksichtslosigkeit, mit der Fußgänger bedacht werden, beispiellos. Hinzu kommt natürlich die ständig präsente Gefahr, beklaut zu werden. Also Augen auf und immer aufeinander Acht gegeben. Um es vorweg zu nehmen: Uns ist während unserer drei Tage Bogotá nichts passiert.

Das erste Abenteuer, die Busfahrt hinein ins historische und kulturelle Zentrum La Candelaria, hatten wir mit Hernáns Anweisungen im Hinterkopf gut gemeistert. Nun fühlten wir uns bestens gewappnet für weitere Herausforderungen. In La Candelaria bündeln sich einige der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt und des Landes. Außerdem wimmelt es hier vor (größtenteils privater) Universitäten und Bibliotheken. Dementsprechend sind auf den Straßen vor allem junge Leute unterwegs und mittags (zwischen 12:00 und 14:00 scheint in weiten Teilen des Landes einfach gar nichts zu gehen, weil dann halt Mittagspause gemacht wird) sitzen all diese jungen Menschen draußen auf Bordsteinen und an Universitätswänden und essen gemeinsam ihre mitgebrachten oder an der nächsten Ecke gekauften Lunchpakete. Nur bei gutem Wetter, wohlgemerkt. Denn momentan ist Regenzeit, was uns glücklicherweise wenig eingeschränkt hat.

La Candelaria ist für Fußgänger und insbesondere für ausländische Fußgänger toll zu erkunden. Der Verkehr hält sich in Grenzen und so kann man die Atmosphäre und die wunderbaren Gebäude voll und ganz genießen. Die niedrigen und häufig farbenfrohen Häuser laden zum Entdecken ein und sind, obwohl sie so klein aussehen, erstaunlich geräumig, weil sie zwar schmal, dafür aber in der Tiefe sehr lang sind.

Gold und Kunst

Ohne einen Besuch des Goldmuseums (Museo del Oro) sei ein Aufenthalt in Kolumbien nicht vollständig, so sagt man. Wir waren im Museum und können das tatsächlich bestätigen. Normalerweise bin ich etwas skeptisch, was Museen in touristischen Gegenden betrifft. Aber dieses hier hat unsere Erwartungen tatsächlich übertroffen. Kein bisschen angestaubt, sehr informativ – sowohl was die Geschichte der Metallbearbeitung als auch die der verschiedenen kolumbianischen indigenen Stämme betrifft – und geschmackvoll arrangierte, wunderschöne Exponate. Die Beschilderungen sind immer zweisprachig, was uns aber nicht davon abgehalten hat, eingangs einen animierten Film über die Entwicklung der Metallverarbeitung von anno dazumal bis heute zu schauen – komplett auf Spanisch und ohne Untertitel. Trotzdem haben wir einen Großteil davon verstanden, was aber sicher am Sprecher und an den Bildern lag.

Der Rundgang durchs Museum war auch danach zu keinem Zeitpunkt langweilig. Ganz im Gegenteil, es hat mich unglaublich fasziniert, mit welcher Präzision und Hingabe auch kleinste Kunstwerke schon damals gefertigt wurden. Da wurde mit den unterschiedlichsten Techniken und Legierungen gearbeitet, um Schmuck, Opfergaben, Insignien und Alltagsgegenstände zu fertigen. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an einigen dieser kleinen und großen Kunstwerke.

Das kleine goldene Floß unten in der Gallerie zeigt übrigens, woher die Legende von El Dorado kommt: Bevor nämlich ein König im Volk der Muisca sein Amt antreten konnte, wurde dem Sonnengott geopfert. Dafür wurde der Körper des neuen Herrschers mit Goldstaub eingerieben. Auf einem Floß fuhr er dann zusammen mit weiteren Würdenträgern und vielen Opfergaben aus Gold und Edelsteinen in die Mitte des Sees Guatavita, wo die Gaben in den See geworfen wurden und der König ebenfalls hineinsprang. Dadurch wurde der Goldstaub von seinem Körper gewaschen und all diese Schätze sanken auf den Grund des Sees. Lange Zeit, nachdem dieser Ritus das letzte Mal vollzogen wurde, weckten dann die Erzählungen davon die Goldgier der spanischen Konquistadoren mit den bekannten schrecklichen und blutigen Konsequenzen.

Ein anderes Museum, welches uns sehr beeindruckt hat, ist das Museo Botero. Genau genommen hängt dieses Museum mit zwei weiteren zusammen, die alle fließend ineinander übergehen. So weiß man manchmal nicht genau, welchem davon der Teil eigentlich zuzuordnen ist, in dem man sich gerade befindet.

Das Casa de Moneda ist eine ehemalige Münzstätte und dort haben wir uns wenig aufgehalten. Allerdings habe ich noch nie zuvor einen richtigen Safe betreten und hier tut man das, wenn man drei große, mit Edelsteinen besetzte Monstranzen aus Gold sehen will.

Im Museo Botero werden viele tolle Bilder und Skulturen nicht nur von Fernando Botero gezeigt, sondern auch von Picasso, Matisse, Max Ernst und vielen, vielen anderen international bekannten Künstlern. Es wird wunderbar ergänzt von der Sammlung der Banco de la República, in der es vor allem impressionistische, expressionistische und zeitgenössische Kunst zu sehen gab. Trotzdem bleiben natürlich Boteros sinnliche Gemälde und die vielen runden Figuren im Fokus – Menschen, Pferde, Vögel, sogar der Tod scheint bei Botero wohlgenährt zu sein, ohne ins Obszöne abzugleiten.

Die drei Museen befinden sich übrigens nicht einfach in einem Gebäude, sondern in einem verwirrenden Komplex aus moderner und kolonialer Architektur, was den Rundgang gleich noch viel interessanter werden lässt.

So groß ist Bogotá

Auf den Plaza Bolívar hatten wir es nach den beiden Museen nur noch kurz geschafft und lange nach der Ablösung der Palastwache um 16:00. Das hatten wir uns dann für den folgenden Tag vorgenommen (Spoiler: Das hat wieder nicht geklappt, aber was soll’s.) Vorher sollte es allerdings hoch hinaus gehen, und zwar auf den Cerro de Monserrate. Dieser Berg liegt mehr als 500 Meter über Bogotá und hat eine Höhe von 3.152 Metern über NN. Da wird die Luft also schon etwas dünn, was uns aber glücklicherweise keine Probleme gemacht hat. Das dürfte auch daran gelegen haben, dass wir mit Luft- und Standseilbahn hoch- bzw. runtergefahren sind. Der Aufstieg soll unter der Woche nämlich nicht ganz ungefährlich sein, da es dann recht leer ist und Überfälle vorkommen können.

Dort oben auf dem Berg wurde uns dann auch das erste Mal das Ausmaß Bogotás so richtig bewusst. Diese Stadt fasst über 8 Millionen Menschen und hat inzwischen fast die gesamte Savanne, in der sie liegt, vereinnahmt.

Das Kloster auf dem Monserrate war dann beinahe Nebensache für mich, ich gebe es ja zu. Umso mehr habe ich mich über die Aussicht über die Berge und die Flora und Fauna gefreut. Jans scharfem Blick und schneller Kamerahand ist es zu verdanken, dass wir einen echten, frei fliegenden Kolibri gesehen und sogar auf Bild festgehalten haben!

Noch mehr Kunst, aber anders

Schon bei unserem ersten Spaziergang durch La Candelaria war uns all diese wunderbare und unterschiedliche Streetart aufgefallen. Es gibt Straßenzüge, da ist wirklich jedes Haus bemalt. Eine solche Dichte an Streetart habe ich nicht einmal in Berlin gesehen. (Und schon gar nicht in dieser Größe.)

In unserem Reiseführer hatten wir den Tipp entdeckt, dass es kostenfreie, nur über Spenden finanzierte Streetart-Führungen gibt, die täglich zweimal starten. Einer solchen haben wir uns dann auch angeschlossen und wurden kein bisschen enttäuscht. Anna ist eine zierliche, super sympathische Bogotánerin mit unfassbar viel Energie und Leidenschaft für Streetart (sie malt auch selbst). Zweieinhalb Stunden lang hat sie uns die verschiedensten Künstler nahe gebracht, die Symbolik und Themen, mit denen sich diese beschäftigen, erläutert, und auch einiges zu Bogotá bzw. La Candelaria erzählt. Überrascht war ich davon, wie offen sie Kritik am politischen System, an der allgegenwärtigen Korruption und dem gegenwärtigen Stadtoberhaupt übte. Auch die mangelnde Gleichstellung von Männern und Frauen, der Umgang mit den indigenen Völker und die rücksichtslose Umweltzerstörung wurden von ihr mächtig abgewatscht. Und trotzdem strahlte Anne weiter diesen Optimismus und diese Lebensfreude aus, dass man gerne glauben will, dass für Kolumbien der Kampf zwar noch nicht vorbei ist, es aber doch Hoffnung gibt. Und sei es durch Menschen wie sie.

13 Comments

  1. Hihi, da steht der Jan und fragt sich, wer denn da die Container so falsch abgestellt hat. 🙂

    Es klingt spannend, aber auch nach einem Ort, wo es für die Sicherheit gut ist, dass man zu zweit unterwegs ist. Um das gute Obst beneide ich euch ja. Ich muss auch mal wieder durch die Läden streifen und frische Dinge kaufen…

    1. Ja, bei den Containern wurde er plötzlich ganz aufgeregt und konnte sich gar nicht losreißen. ?

      Ich bin mir sicher, dass Du in Australien auch tolles Obst bekommst, oder? Streifzüge durch lokale Märkte und Supermärkte gehören definitiv zum Reisen dazu. Ich finde es immer spannend, was da so angeboten wird, egal ob frisch oder abgepackt.

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    1. Ganz lieben Dank, Claudi! Das ist doch wirklich das größte Lob. ? Wir versuchen auch, uns mit den Beiträgen Mühe zu geben. Deshalb dauert es vielleicht manchmal ein bisschen. Aber sie kommen, versprochen!

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