Nach drei Tagen in Angkor sprachen wir von leichter Tempelmüdigkeit, nicht wahr? Nun, so groß kann diese Müdigkeit noch nicht gewesen sein. Auf der Suche nach Orten, die wir in Kambodscha noch besuchen könnten (und die für uns sinnvoll zu erreichen waren), stolperten wir nämlich über Sambor Prei Kuk nahe des heutigen Kampong Thom. Dahinter verbirgt sich ein hinduistischer Tempelkomplex, der 200 Jahre älter als Angkor und die wohl älteste Tempelstadt Südostasiens ist.

Isanapura, so der ursprüngliche Name dieser Stadt, wurde vermutlich schon vor dem sechsten Jahrhundert gegründet. Anfang des siebten Jahrhunderts machte König Ishanavarman I. sie zur Hauptstadt seines Reiches Chenla, das dem Khmer-Reich Angkor vorausging.

Die Stadt und ihre Tempel waren außerdem stilprägend für die nachfolgende Khmer-Architektur. Die meisten Bauelemente waren zwar indisch inspiriert, bekamen aber einen ganz eigenen Charakter. Der typische Khmer-Prasat oder -Turm nahm hier zum ersten Mal Form an. Und hier finden sich auch die Vorläufer der berühmten Angkor Wat-Türme mit ihrer stufenförmigen, steilen pyramidenförmigen Bauweise.

Prä-Angkor, Tempelruinen mitten im Wald und dann auch noch so selten besucht, dass man kaum andere Besucher trifft? Das klang spannend genug, um uns nach Kampong Thom zu locken, der Stadt, die den Ruinen am nächsten liegt.

Ganz untouristisch

Da Sambor Prei Kuk noch so unbekannt ist, ist auch Kampong Thom ein verschlafenes kleines Nest, das mit Tourismus noch wenig am Hut hat. Wir sagen „noch“, weil die UNESCO die Tempelanlage erst vorletztes Jahr, im Juli 2017, in ihre Weltkulturerbeliste aufgenommen hat. Wer weiß, wie es hier in ein paar Jahren aussehen wird?

„Noch“ aber gibt es in Kampong Thom gerade einmal zwei nennenswerte Herbergen, einen Markt, auf dem partout kein Englisch gesprochen wird und viele Einheimische, die sich richtig freuten, uns Weißgesichter zu sehen. Überall wurden wir mit einem enthusiastischen „Hello!“, Winken und Lachen begrüßt. Und abgesehen von einem hartnäckigen Tuk Tuk Fahrer versuchte niemand uns etwas zu verkaufen.

Wir genossen die Ruhe und das authentische Stadtleben, freuten uns aber auch darüber, einen liebenswürdigen Herrn zu finden, der Mopeds und Bustickets und allerlei gute Ratschläge und Informationen im Angebot hatte und der ganz passables Englisch sprach. Hier mieteten wir unser erstes halbautomatisches Moped, um zu den Tempelanlagen zu fahren. Wie gut, dass wir so etwas noch nie zuvor gefahren sind. Sonst hätten wir gewusst, dass die Gänge eigentlich nicht so haken sollten und wären am Ende vielleicht doch mit dem langweiligen Tuk Tuk gefahren!

Abseits ausgetretener Pfade

Die Fahrt zu den Ruinen von Sambor Prei Kuk gestaltete sich denn auch etwas abenteuerlich, zählte aber zu den besten Dingen des Tages. Auch wenn Jan immer wieder mit der Schaltung und den stellenweise sehr unwegsamen Sandpfaden kämpfen musste (wir nahmen zurück eine leicht modifizierte Route). Denn so kamen wir auch ganz nah ans dörfliche Leben in Kambodscha heran.

Wir fuhren entlang flacher, trocken-brauner Felder, fuhren durch kleine Dörfer voller Stelzenhäuser hindurch, mussten Kühen und Hühnern Vorfahrt gewähren und überholten die abenteuerlichsten Gefährte. Und wieder wurden wir allenthalben überschwänglich gegrüßt. Das hier war wirklich abseits der ausgetretenen Pfade. Zwei Touristen auf einem klapprigen Moped verirrten sich wahrscheinlich eher selten hierher.

Löwen mit Locken

Genau wie in Angkor sind auch in Sambor Prei Kuk nur noch Reste der steinernen Tempelanlagen geblieben. Diese verteilen sich über ein riesiges Areal und werden in verschiedene Zonen unterteilt, die ganz unromantisch mit Buchstaben benannt sind. In Zone A befinden sich unter anderem die drei Haupt-Tempelgruppen N, S und C. Viele weitere Tempel sind komplett eingestürzt. Lediglich kleine und große Ziegelhaufen erinnern daran, dass hier einmal Gebäude zu Ehren der Götter gestanden haben.

Anfangs dachten wir noch, dass sich die gesamte Tempelanlage derart unspektakulär gestalten würde. Denn wir hatten als erstes die zentrale Tempelgruppe „C“ angesteuert. Diese Anlage ist die jüngste unter den Sambor Prei Kuk Tempeln und stammt wohl hauptsächlich aus der Angkor-Zeit.

Der zentrale Prasat Tao ist das bemerkenswerteste Gebäude der zentralen Tempelgruppe. Das aber auch nur wegen der beiden Löwen, die den Eingang bewachen und nach denen der Turm benannt ist. (Tao bedeutet „Löwe“.) Die Gestaltung der Löwenmähnen mit den spiralförmig gedrehten Locken ist einzigartig in der Khmer-Kunst.

Fliegende Paläste

Vom Löwentempel spazierten wir weiter zur Südgruppe „S“. Dies ist die älteste Tempelgruppe. Sie wurde von König Ishanavarman I. während der ersten größeren Bauphase in Isanapura errichtet. Wie die anderen beiden Anlagen auch, liegt die Südgruppe innerhalb quadratischer Mauern – eine Anordnung, die später auch in Angkor immer wieder Verwendung fand. Eines der Zugangstore zu diesem Tempel wird von einer großen Würgefeige umklammert.

Das zentrale Heiligtum der Südgruppe wiederum besticht durch seine ungewöhnlichen Reliefs und Türstürze. „Fliegende Paläste“ der Götter sind auf allen Außenseiten des Prasats abgebildet.

Baumtempel

Ungeplant hatten wir uns das Highlight Sambor Prei Kuks für den Abschluss aufbewahrt. Die Nordgruppe „N“ würde kurz nach der Südgruppe gebaut. Mindestens ihr zentrales Heiligtum wird noch Ishanavarman I. zugeschrieben. In zwei der vier flankierenden Türme fand man wunderbare Statuen, deren Originale inzwischen im Nationalmuseum von Phnom Penh stehen. Witzigerweise hatte ich mich dort in die Skulptur von Durga verguckt – ohne zu ahnen, dass wir eine Woche später am Fundort dieses Kunstwerks stehen würden.

Neben Kulturfreunden kommen an der Nordgruppe aber vor allem Liebhaber der „Dschungel-Tempel“, für die Kambodscha so berühmt ist, auf ihre Kosten. Mindestens zwei kleine Heiligtümer sind wirklich bemerkenswert, wie sie da vollkommen umschlossen von mächtigen Wurzeln stehen. Es schien uns beinahe, als hielten die riesigen Würgefeigen die Gebäude zusammen, damit sie nicht ebenfalls zu Ziegelhaufen werden würden.

Fazit

Auch wenn Sambor Prei Kuk nicht an die Pracht und Fülle Angkors heranreicht (welcher Tempel wäre dazu überhaupt noch in der Lage?!), so hat sich für uns dieser Besuch doch mehr als gelohnt. Allein die „Dschungel-Tempel“ wären Grund genug dafür. Genau so spannend war es aber, Spuren dieses uralten Reiches zu sehen und die Parallelen zur späteren Angkor-Epoche zu entdecken. Dass uns dabei kaum andere Besucher über die Füße gelaufen sind, machte den Tagesausflug nur noch lohnender.

4 Comments

    1. In gewisser Weise haben sie ja einen Grund. Andernorts nutzen diese Bäume andere Bäume, um sich Stabilität und Größe ihrer “Wirte” zunutze zu machen. Aber wenn sich dann so ein kleines oder großes Bauwerk anbietet, dass auch noch so schöne Ritzen hat, in denen man seine Wurzeln verankern kann…

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