Angkor – Synonym mit einer der mächtigsten asiatischen Dynastien, mit einem kulturellen Erbe, das sich bis heute in den Ländern Südostasiens bemerkbar macht, mit einer Herrlichkeit, die ihresgleichen gesucht haben muss, mit dem archäologisch vielleicht bedeutsamsten Gebiet der Welt.

Wenige Kilometer nördlich von Siem Reap befindet sich das ehemalige Zentrum des alten Khmer-Reichs. Hunderte Tempel aus dem 9. bis 15. Jahrhundert haben bis heute in teilweise erstaunlichem Zustand überlebt. Sie legen Zeugnis ab von einer Zivilisation, einer Kultur, die zu Unglaublichem fähig gewesen sein muss.

Von Angkor aus wurde einmal ein Reich regiert, das den Großteil von dem einschloss, was das heutige Kambodscha ist. Alte Tempelanlagen und weitere Spuren finden sich im gesamten Land, sowie beispielsweise im Süden von Laos. Doch nirgends ist die Konzentration größer als hier bei Siem Reap. Tempel, die andernorts der Star wären und Touristenscharen anziehen würden, verblassen hier neben Nachbarn wie Angkor Wat, Bayon oder Ta Prohm. (Mehr zu diesen drei berühmtesten Tempeln weiter unten.)

Es ist schwer, den Zauber, die Faszination Angkors in Worte zu fassen. Einige meiner tiefgehendsten Erinnerungen an Südostasien wurden hier geprägt. Und nun eine Weltreise durch Asien, ohne Angkor gesehen zu haben? Unvorstellbar! Ich freute mich, ein zweites Mal diese uralten Tempelanlagen durchstreifen zu können. Noch mehr freute ich mich darauf, Jan diese zu zeigen.

Drei Tage Tuk Tuk mit eigenem Programm

Seit 1993 ist Angkor UNESCO Weltkulturerbe. Kurz vor dem 25-Jahres-Jubiläum wurden die Eintrittspreise kräftig erhöht, aber ganz ehrlich? Zur Not hätten wir auch das Doppelte gezahlt.

Angkor hat eine Gesamtfläche von mehr als 200 km². Doch selbst wenn man sich nur innerhalb des Kerngebiets von vielleicht 60 km² bewegt (was schade wäre, da sich außerhalb davon mindestens ein absolutes Highlight befindet), blieben immer noch Dutzende Tempel, die einen Besuch wert sind. Es ist nahezu unmöglich, Angkor gerecht zu werden, wenn man nur einen Tag hier verbringt. Wir haben uns drei vollgepackte Tage Zeit genommen. Bei um die 38 °C durchaus eine Leistung. Kein Wunder, dass gerade Nebensaison war und die meisten Besucher nur halbe Tage einlegten. Und ja, auch bei uns setzte gegen Ende des dritten Tages ein wenig Tempelmüdigkeit ein.

Theoretisch ist es möglich, Angkor mit dem Fahrrad oder sogar zu Fuß zu besichtigen. Theoretisch. Bei dieser erbarmungslosen Hitze war das gemietete Tuk Tuk (samt Fahrer natürlich) unsere erste und einzige Wahl. Wir ließen uns von Mr. Pyep fahren, den uns unsere Unterkunft empfohlen hatte und der wirklich sehr zuvorkommend war. Einzig ein paar eigene Ideen zu unserem jeweiligen Tagesprogramm hätte ich mir von ihm gewünscht, denn auf die übliche Touristenrunde hatten wir wenig Lust. Die führt in der Regel dazu, dass man sich überall mit massenhaft anderen Besuchern, darunter tausende Chinesen, durch die Tempel schiebt.

Stattdessen bastelten wir uns unsere eigene Route zusammen. Aufbauend auf meine Erfahrungen von vor viereinhalb Jahren schafften wir es, wirklich das Beste aus diesen drei Tagen zu holen. (Und sogar die beliebtesten Tempel ohne Menschenandrang zu sehen!)

Noch ein paar Zahlen

Bevor es nun ans Eingemachte geht – ihr wollt ja schließlich auch sehen, warum Angkor so unfassbar faszinierend ist – noch ein paar Worte zur Einordnung:

Wie bereits erwähnt war das Gebiet von Angkor über sechs Jahrhunderte das Zentrum des Khmer-Reichs. Die Hauptstadt des Reichs wanderte innerhalb Angkors jedoch. So entstanden sukzessive immer neue Regierungssitze, immer mit einem eigenem Haupttempel. Es gibt in Angkor also einige Anlagen, die zur Zeit ihrer Entstehung der jeweils wichtigste Tempel Angkors waren.

Um unseren Reisebericht nicht zu konfus zu machen, lösen wir uns unten von der Reihenfolge, in der wir die Tempel besichtigt haben. (Wer für seine eigene Routenplanung durch Angkor ein paar Tipps haben möchte, der kann uns gerne direkt anschreiben.) Stattdessen hangeln wir uns einfach an den (ungefähren) Entstehungsdaten der einzelnen Anlagen entlang.

Wissenschaftler gehen übrigens davon aus, dass auf dem Höhepunkt der Entwicklung Angkors hier eine Million Menschen auf etwa 1.000 km² lebten. In London wohnten damals gerade einmal 50.000 Menschen. Dass von all diesen Unterkünften heute nichts mehr übrig ist liegt daran, dass Gebäude aus Stein den Göttern vorbehalten waren. Selbst Paläste baute man nur aus Holz. Nur die häufig quadratisch angelegten Stadtmauern, in deren Zentrum sich jeweils ein Tempel befand, lassen das Ausmaß dieser Städte noch erahnen.

Phnom Bok (889–910 AD)

Die ältesten Bauwerke in Angkor liegen weiter außerhalb des Kerngebietes, weshalb wir sie nicht besuchten (und auch gar nicht auf dem Schirm hatten). Der älteste Komplex, zu dem wir fuhren, war aber auf einem Schlenker, den wir ohnehin fahren wollten. Phnom Bok gehört eigentlich zu einem „Dreigestirn“ von Tempelhügeln. (Phnom bedeutet „Berg“.) Die beiden Schwestertempel beziehungsweise -berge sind Phnom Krom und Phnom Bakheng.

König Yasovarman I. verlegte Ende des 9. Jahrhunderts die Hauptstadt des Khmer-Reiches nach Yasodharapura („die glorreiche Stadt“), welches die erste Hauptstadt Angkors wurde. Genau gesagt fiel seine Wahl auf Phnom Bakheng, da Phnom Bok zu hoch lag und nur schwer erreichbar war.

Das mit der hohen Lage und der schweren Erreichbarkeit kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Wir fuhren hier am Nachmittag vor und Jan verzichtete angesichts der hohen Temperaturen gleich ganz auf den Aufstieg. Er machte lieber Siesta im Tuk Tuk von Mr. Pyep.

Deshalb gibt es auch niemanden, der mir sagen kann, ob meine Zählung von 629 oder 619 Stufen korrekt war. In jedem Fall waren es eine Menge. Die Anstrengung wurde allerdings belohnt mit einem schönen Ausblick auf das umliegende Land – leider ohne von hier weitere Tempel sehen zu können.

Beim weiteren Aufstieg stolperte ich zunächst über einen Tempel neueren Datums, der noch in Gebrauch schien und schöne Wandmalereien aufwies. Trotzdem war ich verwirrt. Sollten hier nicht noch irgendwelche Ruinen herumstehen?

Phnom Bok selbst ist noch in erstaunlich gutem Zustand, vor allem wenn man bedenkt, dass hier oben kaum Instandhaltungsmaßnahmen getätigt wurden. Lediglich die beiden Frangipani-Bäume, die auf Gebäuden des Tempels Wurzeln geschlagen haben, könnten für weitere Zerstörung sorgen. Sie sind aber ein so schöner Anblick, dass sie sicherlich in Frieden gelassen werden. Außerdem bieten sie einen gewissen Kontrast zu all den Banyan-Bäumen, die verschiedene andere Tempel in Angkor überwuchern.

Worte zur Sonne

Nimmt man sich drei Tage Zeit, um Angkor zu erkunden, so ist es üblich, dort auch einen Sonnenuntergang und einen Sonnenaufgang anzusehen. Für beides gibt es Orte, an die üblicherweise alle Touristen gekarrt werden. Und beides ist mehr oder weniger Glückssache, denn sowohl Aufgang als auch Untergang verschwinden häufig hinter Grauschleier-Wolken.

Vor viereinhalb Jahren hatte ich einen ganz schönen Sonnenaufgang bei Angkor Wat erlebt und einen Sonnenuntergang auf Phnom Bakheng, der mir beinahe mein gesamtes Angkor-Erlebnis verdorben hatte. Es macht einfach keinen Spaß, mit hunderten chinesischen Touristen auf einem kleinen Tempel zu stehen und der diesigen Sonne dabei zuzuschauen, wie sie hinter einem Baum verschwindet… Heute hat sich diese Situation nicht gerade verbessert. Ganz im Gegenteil: Es wurden bei Phnom Bakheng noch extra Plattformen errichtet, um all die Menschen aufnehmen zu können. Zwar dürfen „nur“ 300 Leute gleichzeitig auf den Tempel, aber die wollen da auch erst einmal Platz finden.

Phnom Bakheng (nach 900 AD)

Dieser Fehler sollte natürlich nicht wiederholt werden. Wir statteten Phnom Bakheng also am Vormittag einen Besuch ab und waren damit ganz zufrieden.

Der Tempel selbst erscheint auf den ersten Blick etwas unspektakulär (und auch auf den zweiten und dritten, um ehrlich zu sein). Er ist aber trotzdem aus verschiedenen Gründen bemerkenswert. Zum einen handelt es sich wie erwähnt um den Staatstempel und damit das Zentrum der ersten Khmer-Hauptstadt in Angkor. Zum anderen ist es der erste Tempel im „Berg-Stil“, der den Berg Meru, die Heimat der Hindu-Götter, repräsentiert.

Die meisten Tempelanlagen Angkors wurden über die Jahrhunderte immer mal wieder wiederentdeckt, umgebaut, umgewidmet oder instandgesetzt. So auch Phnom Bakheng. Im 16. Jahrhundert versuchte man, auf der obersten Terrasse eine überdimensionale, sitzende Buddha-Statue zu erreichten und nutzte dafür Steine aus den zentralen fünf Türmen. Der Buddha wurde nie vollendet, sondern brach unter seinem eigenen Gewicht zusammen. Später wurden auch die Reste abgetragen.

Während ihrer Herrschaft nutzten die Khmer Rouge Phnom Bakheng als strategischen Posten, da der Tempel eine gute Rundumsicht bot. Die damaligen Gefechte schädigten die Substanz weiter. (Und die 300 Personen zum Sonnenuntergang helfen sicher nicht.)

Östlicher Mebon (952 AD)

Nach der Herrschaft Yasovarmans I. wurde die Hauptstadt des Khmer-Reiches für kurze Zeit nach Koh Ker, 100 Kilometer nordöstlich von Angkor, verlegt. Schon 944 jedoch machte Rajendravarman II. diesen Schritt wieder rückgängig. Allerdings zog es ihn nicht zurück nach Phnom Bakheng, sondern ein paar Kilometer weiter nach Osten.

Hier wurde ein riesiges Wasserbecken, der Östliche Baray ausgehoben. In dessen Mitte ließ Rajendravarman II. einen Tempel, den Östlichen Mebon errichten. Heute ist das Reservoir ausgetrocknet und der Östliche Mebon erhebt sich inmitten von Reisfeldern. Die alten Bootsanleger lassen sich aber noch erkennen.

Der Tempel selbst ist pyramidenförmig mit vier Ebenen. Auf diesen Ebenen stehen insgesamt acht große Elefantenstatuen, sowie ursprünglich einmal 16 Löwenpaare, die die Treppen bewachten. Außerdem entdeckten wir so etwas wie eine Abflussrinne, deren Ende mit einem Tigerkopf geschmückt gewesen zu sein schien.

Pre Rup (961 AD)

Nicht der Östliche Mebon war Staatstempel unter Rajendravarman II., sondern der unweit gelegene Pre Rup. Beide Anlagen haben aber einen ähnlichen Bauplan und sind dem Hindu-Gott Shiva gewidmet. So stießen wir auch immer wieder auf die phallusförmigen, runden Linga, die im Hinduismus Shiva symbolisieren. (Jan klärte mich darüber auf, dass dieser in einem Becken mit einem „Ausguss“ steht, das Vishnu symbolisiert. Ich muss sicher nicht erklären, warum Shiva und Vishnu zu running gags wurden. Ja, es ist kindisch und albern und ganz und gar respektlos…)

Man kann Pre Rup übersetzen mit „Drehe den Körper“, was wohl auf ein altes Khmer-Beerdigungsritual verweist. Dabei wird die Asche des Verstorbenen rituell in verschiedene Richtungen gedreht.

Pre Rup diente aufgrund seiner harmonischen Gesamtwirkung übrigens als Vorbild für den viel größeren und komplexeren Angkor Wat. Wer beide Anlagen gesehen hat, kann die Verwandtschaft nicht leugnen.

Pre Rup ist außerdem der zweite Ort, an dem man innerhalb Angkors dem Sonnenuntergang frönen kann. Die Anlage ist dabei deutlich weniger überlaufen als Phnom Bakheng, weshalb wir dort unseren Sonnenuntergangsversuch hinverlegten. Der fiel zwar gründlich flach, weil die Sonne sich einfach hinter graue Schleierwolken verabschiedete und das ganze Spektakel daher quasi nichtexistent war, der Tempel selbst ist aber auch so wunderschön.

Banteay Srei (967 AD)

Selbst wer sich nur im Kerngebiet Angkors aufhalten möchte, sollte eine längere Strecke auf sich nehmen. Die 23 Kilometer nämlich nach Banteay Srei. Dieser verhältnismäßig kleine Tempel gilt völlig zu recht als das Juwel Angkors. Der innere Bereich des Tempels wurde fast vollständig aus rosa Sandstein erbaut und zeigt einige der kunstvollsten und detailliertesten Steinornamente der Welt.

Schon der 67 Meter lange Prozessionsweg, der in den Tempel hineinführte, begeisterte uns mit seinen Verzierungen und Detailfülle. Aber was einen dann beim Durchschreiten des letzten steinernen Torbogens erwartet, raubt einem schier den Atem.

Im Zentrum des Tempels stehen drei Prasats, die Tribhuvanamaheshvara, Shiva als Herrscher der drei Welten (Mitte), Vishnu (Norden) und Shiva (Süden) gewidmet sind. Tribhuvanamaheshvara war auch der ursprüngliche Name des Tempels. Der heutige Name Banteay Srei kann mit „Zitadelle der Schönheit“ oder „Zitadelle der Frauen“ übersetzt werden.

Den damals völlig verfallenen Tempel entdeckten französische Archäologen erst 1914 durch Zufall. Er machte 1923 Schlagzeilen, als der spätere französische Kulturminister André Malraux versuchte, herausgebrochene Statuen und Reliefs aus Kambodscha nach Frankreich zu schmuggeln. Er wurde glücklicherweise erwischt, musste aber seine dreijährige Haftstrafe nie absitzen. Französische Intellektuelle hatten zu seinen Gunsten interveniert. (Damals stand Kambodscha noch unter französischer Kolonialherrschaft.)

Immerhin betrieb Frankreich in den 1930er Jahren gewissermaßen Wiedergutmachung, als es die schwierige und kleinteilige Aufgabe übernahm, Banteay Srei wieder aufzubauen.

Nördlicher & Südlicher Khleang (um 1000 AD)

Diese beiden Gebäude stellen Archäologen und Historiker noch heute vor ein Rätsel. Erbaut wurden sie wohl kurz nach Banteay Srei, wobei der südliche Khleang unvollendet blieb. Sie verstecken sich etwas hinter den deutlich später erbauten Prasat Suor Prat und ich entdeckte sie eigentlich nur, als ich an letzteren vorbei zu unserem Tuk Tuk marschierte, wo Jan sich wieder einmal vor der Sonne versteckte.

Die Funktion der beiden Gebäude ist bis heute umstritten. Ihr moderner Name Khleang bedeutet „Tempel der Lagerhäuser“ oder „Tempel der Schatzkammer“. Eine solche Rolle kann allerdings ausgeschlossen werden. Vielleicht dienten sie ja als Empfangshallen für Staatsgäste.

Mir blieben die beiden Galleriehallen vor allem aufgrund ihrer vielen Säulenfenster und ihrer Verzierungen im Kopf.

Phimeanakas (1011 AD)

Auch wenn sein Name beinahe griechisch anmutet, handelt es sich beim Phimeanakas um einen weiteren Hindu-Tempel, der unter Rajendravarman II. gebaut und später erweitert wurde. Viele Verzierungen des pyramidenförmigen Tempels sind nicht mehr erhalten. Mich haben allerdings die Überreste der Elefantenstatuen gerührt, die wie kleine Tapire aussahen.

Das wenige Wissen, welches man heute über Angkor und die Lebensweise der Menschen damals hat, entstammt zu einem großen Teil der Feder eines chinesischen Abgesandten an den Hof der Khmer-Könige. Zhou Daguan war 1296/97 Teil einer chinesischen Delegation und schrieb später den einzigen heute erhaltenen Augenzeugenbericht über das Khmer-Reich. Seine Darstellungen müssen nicht nur besonders umfassend gewesen sein, sondern auch durch Intelligenz, Neugier und Authentizität bestechen. Von Historikern wird sein Bericht zum größten Teil als glaubwürdig eingestuft, obwohl über die Jahrhunderte einige Teile verloren oder falsch eingeordnet wurden.

Dieser Zhou Daguan schrieb über Phimeanakas, dass der Tempel aus Gold bestanden habe. Man geht deshalb davon aus, dass mindestens die Kuppel goldüberzogen war.

So wenig aufsehenerregend der Phimeanakas auch war, fanden wir unweit davon durchaus beeindruckende Überreste der alten Palast- oder Stadtmauer, sowie eines alten Wasserreservoirs. Wann man bedenkt, dass all dies mit Hand ausgehoben beziehungsweise erbaut worden war!

Baphuon (um 1060 AD)

Der Baphuon war der Staatstempel unter König Udayadityavarman II. Er stand in der Mitte einer riesigen Stadt, die noch größer war als das heute an etwa der gleichen Stelle gelegene Angkor Thom.

Zum Tempel führt ein 172 Meter langer steinerner Steg. Ähnliche Stege waren aus Holz in kambodschanischen Dörfern weit verbreitet und sind es bis heute.

Der Baphuon ist zum größten Teil aus Sandstein erbaut. Sein Kern bestand jedoch aus Erde. Hier zeigte sich, dass die Baukunst der alten Khmer durchaus ihre Grenzen hatte. Dieser Erdkern nämlich war auf Dauer nicht stabil genug, so dass der Tempelberg im Laufe der Jahrhunderte einstürzte.

Im 15. Jahrhundert fanden Restaurierungs- und Umbaumaßnahmen statt. Dabei wurde an der Westseite des Tempels ein 70 Meter langes Flachrelief eines liegenden Buddhas in die Wand eingearbeitet. Dabei recycelte man Steine aus dem zusammengestürzten zentralen Turm. Offenbar waren die damaligen Baumeister der Ansicht, dass man den Turm ohnehin nicht mehr retten konnte.

Da an den Fundamenten des Tempels aber nichts getan wurde, sackte auch das Relief schließlich ab. Der gesamte Baphuon stürzte nach und nach beinahe komplett in sich zusammen.

1960 begannen Wiederaufbaumaßnahmen, die wohl am ehesten mit einem riesigen Puzzlespiel zu vergleichen sind, bei dem es keine Vorlage gibt. Der Tempel, beziehungsweise das, was von ihm übrig geblieben war, wurde sorgsam abgetragen und katalogisiert – Positionen, Fundorte, etc. Fatalerweise wurden alle Restaurierungs- und Wiederaufbauprojekte durch die Khmer Rouge unterbrochen und die bereits erstellten Unterlagen komplett zerstört.

Erst in den 1990er Jahren wurde ein neuer Anlauf genommen, den Baphuon wieder aufzubauen. Eine Aufgabe, die nun noch schwerer geworden war. Die 300.000 bereits vorsortierten Steine lagen nicht mehr an ihren ursprünglichen Stellen und alle dazugehörigen Unterlagen fehlten. Es gibt Menschen, die den Baphuon das „größte Puzzle der Welt“ nannten. 16 Jahre später waren die Arbeiten endlich abgeschlossen.

Preah Pithu (ab 1100 AD)

Auf die aus fünf Tempeln bestehende Gruppe Preah Pithu wären wir ohne unseren Fahrer Mr. Pyep wohl nicht gekommen. Er erzählte uns, dass die Restaurierungsmaßnahmen erst im Vorjahr abgeschlossen worden seien. Beim Näherkommen wurde allerdings schnell klar, dass es sich dabei nur um die erste Phase des Wiederaufbaus gehandelt hatte.

Die Tempel von Preah Pithu wurden mit den Buchstaben T, U, V, X und Y bezeichnet. Sie sind hinduistisch, mit Ausnahme des Tempels „X“, der ein buddhistischer Tempel ist und deutlich jünger als die restlichen Anlagen. Sie alle wurden wahrscheinlich unabhängig voneinander gebaut. Nur „T“ und „U“ werden vom gleichen, heute ausgetrockneten Wassergraben umgeben.

Ein besonderes Merkmal der Tempel ist ihre Ausrichtung nach Westen. Dies ist für Angkor-Verhältnisse sehr ungewöhnlich, da die meisten Tempel nach Osten, zur aufgehenden Sonne, ausgerichtet sind. Nur Angkor Wat schaut ebenfalls gen Westen.

Für uns war es spannend, die verschiedenen Phasen der Rekonstruktion dieser Tempel zu sehen. Während die Naga-Statuen (Schlangen) der Terrasse von Tempel „T“ bereits nachgebaut wurden, konnten wir bei den anderen Tempeln nur erahnen, was hier noch geschehen würde. Immerhin müssen diese bereits von viel Vegetation befreit worden sein. Die unsichersten Stellen waren schon gesichert und an dem einen oder anderen Torbogen sahen wir Messgeräte, die die entstandenen Spalte überwachten.

Angkor Wat (um 1140 AD)

Superlative reichen nicht aus, um Angkor Wat zu beschreiben. Dieser Tempel stellt die Krönung der Khmer-Kultur, die Kulmination all ihrer kreativen und spirituellen Schöpfungskraft dar. Angkor Wat ist der Höhepunkt einer jeden Kambodscha-Rundreise, bis heute ganzer Stolz der Einwohner Kambodschas und einzigartig in seiner Schönheit und Ausdrucksstärke.

Angkor Wat ist auch das größte religiöse Bauwerk der Welt. Wie andere hinduistische Tempel auch, versinnbildlicht es das Weltbild dieser Religion und den heiligen Berg Meru, den Sitz der hinduistischen Götter.

Abgesehen von seiner Größe – der Tempel ist umgeben von einem rechteckig angelegten Wassergraben mit den Abmessungen 1,5 x 1,3 Kilometer – besticht Angkor durch seine perfekte, harmonische, imposante Silhouette, aber auch durch die kunstvollsten Verzierungen. So wird die Außenseite des zentralen Tempels durch ein 800 Meter langes Relief geschmückt.

Erbaut unter König Suryavarman II. ist Angkor Wat der einzige Tempel in Angkor, der niemals einfach den Elementen überlassen wurde, sondern seit dem 12. Jahrhundert konstant genutzt wurde. Die Neigung der alten Khmer-Könige, ihre Vorgänger zu übertrumpfen und sich selbst zu überhöhen, fand seinen Höhepunkt in diesem Bauwerk. Fairerweise muss man hinzufügen, dass Suryavarman II. derjenige König war, der Kambuja, wie das Reich damals hieß, einte und durch mehrere erfolgreiche Feldzüge gegen seine Nachbarn weiter ausbaute.

Anders als seine Vorgänger verehrte dieser König Vishnu, nicht Shiva. Und anders als die anderen Staatstempel Angkors ist Angkor Wat nach Westen ausgerichtet. Es gibt daher Spekulationen, dass Angkor Wat auch der Totentempel Suryavarmans II. war.

Angkor Wat fast für uns

Diese Ausrichtung nach Westen macht Angkor Wat zu einem begehrten Fotomotiv bei Sonnenaufgang – so man denn Glück hat und der Sonnenaufgang zufällig etwas taugt. Wir entschieden uns allerdings dagegen, mit hunderten anderer Frühaufsteher auf eben dieses Glück zu hoffen. Denn an einem Tempel der nach Westen schaut, ist das Licht nachmittags eigentlich viel besser. Und aufgrund der hohen Temperaturen waren sämtliche Anlagen Angkors ab der Mittagszeit auch viel, viel leerer.

Unser spontaner Plan ging voll auf. Wir näherten uns dem Tempel durch das Osttor, welches erstaunlich verwildert und einsam ist – auch das ist also Angkor Wat.

Wir wanderten entlang dieser unglaublich detaillierten und phantasievollen Reliefs, identifizierten Szenen und Gestalten aus dem Ramayana, aber auch aus der Geschichte und den Feldzügen der Khmer. An den Säulen fanden wir die Darstellungen von Tänzerinnen, sogenannten Apsaras, die alle individuelle Merkmale tragen.

Im Inneren des zentralen Tempels verliefen wir uns in den zahlreichen Galerien und Räumen, die als Bibliotheken, Versammlungs- und Anbetungsräume gedient haben mögen.

Irgendwie fanden wir uns schließlich im Innenhof, in dessen Mitte sich der größte Prasat erhebt. Seit einigen Jahren ist dieser wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Zugang ist aber limitiert und oft mit langen Warteschlangen verbunden. Dank der späten Stunde unseres Besuchs konnten wir ganz ohne Anstehen die beinahe senkrechte Holztreppe hinaufkraxeln und den Ausblick von dort oben in vollen Zügen genießen.

Ganz verzaubert spazierten wir durch den Vordereingang Angkor Wats hinaus. Wir ließen unsere Blicke über das davorliegende Areal wandern, auf dem sich noch weitere, zum Tempel gehörende Gebäude befinden. Und als wir uns umwandten, da sahen wir, wie die rote Abendsonne Angkor Wat anstrahlte. Das war besser als jeder Sonnenaufgang.

Banteay Samré (um 1150 AD)

Ist Angkor Wat das häufig überlaufene Herzstück Angkors, so gehört Banteay Samré zu den Tempeln, die völlig unverdient abseits der touristischen Pfade liegen. Dieser kleine Flachtempel zeigt viele hinduistische Reliefs und kunstvolle Säulenfenster, aber auch einige buddhistische Darstellungen am zentralen Prasat.

Wir waren hier auf dem Weg zum Phnom Bok vorbeigekommen und genossen es, einen so kunstvollen Tempel ganz für uns zu haben.

Banteay Kdei (Mitte des 12. Jahrhunderts AD)

Auch Banteay Kdei gehört zu den häufig übersehenen Tempeln Angkors. Wohl noch vor Ta Prohm und Neak Pean erbaut, ist er der erste Klostertempel des äußerst erfolgreichen Königs Jayavarman VII. Er war aber weniger verziert und instabiler gebaut, weshalb er heute in einem schlechteren Zustand ist. Trotzdem gibt es hier viel zu entdecken und einen schönen (und deutlich ruhigeren) Vorgeschmack auf die von Baumwurzeln erstickten Tempel gibt es noch obendrauf. Sind die Wurzeln dieser Tetrameles nudiflora nicht unglaublich?

Ta Prohm (1186 AD)

Der „Tomb Raider-Tempel“ gehört zu den am meisten besuchten Tempeln Angkors. Zu Berühmtheit gelangte Ta Prohm durch eben jene Filme mit Angeline Jolie als Lara Croft. Und wer Ta Prohm heute besucht, der meint wirklich, in einer Filmkulisse zu stehen. Der Tempel wurde nur sehr behutsam von Vegetation befreit. Eingestürzte Teile werden nach und nach wieder aufgebaut, aber noch kann man sich sehr gut vorstellen, wie diese Anlage ausgesehen haben muss, als sie von französischen Archäologen entdeckt wurde.

An die riesigen Banyan-Bäume (Würgefeigen) und die noch größeren Tetrameles nudiflora (die Bäume mit den brettartigen Wurzeln), die Tempel und Mauern fest umklammert halten, legt man allerdings keinen Finger. Zum einen tragen sie nicht unerheblich zum Charme dieses Tempels bei, zum anderen würde der Bausubstanz durch das Entfernen der Bäume unabsehbarer Schaden zugefügt.

Der ursprüngliche Name dieses buddhistischen Tempels war Rajavihara, was „königliches Kloster“ bedeutet. Damit scheint auch die originäre Verwendung klar zu sein. Jayavarman VII. gedachte mit diesem Tempel seiner verstorbenen Mutter.

Preah Khan (1191 AD)

Preah Khan ist die enge Verwandtschaft mit Ta Prohm anzusehen. Auch Preah Khan wurde unter Jayavarman VII. erbaut, und zwar in Gedenken an seinen Vater. Zeitgleich ließ der König eine neue Hauptstadt, Angkor Thom mit dem dazugehörigen Staatstempel Bayon errichten. Bis zur Fertigstellung diente Preah Khan als provisorische Hauptstadt. Die Anlage wurde anschließend für mehrere buddhistische Klöster und eine Universität genutzt. Hier sollen über 1.000 Professoren und Lehrer gewohnt und gewirkt haben.

Eine weitere Gemeinsamkeit von Preah Khan und Ta Prohm ist, dass sie beide von Würgefeigen und Tetrameles in Beschlag genommen wurden. Da Preah Khan aber in keinem Hollywood-Blockbuster verewigt wurde, wird er nicht ganz so häufig besucht. Dabei ist dieser Tempel sogar noch komplexer und vielfältiger, als es Ta Prohm war.

Wir hatten eigentlich nicht all zu viel erwartet und dachten, dass es nach dem langen Dammweg, der auf die äußere Umfriedung zu- und an mehreren kleineren Gebäuden vorbeiführte, nicht mehr viel geben könnte. Dann aber kam noch eine Begrenzungsmauer und noch eine und noch eine. Dazwischen Gebäude, Tempel, Türme und ein merkwürdig deplatziert wirkendes, zweistöckiges Bauwerk. Die Anordnung all dieser Bauten war verwirrend und spannend. Ich hatte ziemlich schnell jede Orientierung verloren – was nicht wirklich verwunderlich ist – und erfreute mich einfach nur an den immer neuen Ausblicken, die sich uns boten. Preah Khan muss wirklich weit mehr als „nur“ ein einfacher Tempel gewesen sein.

Angkor Thom (um 1200 AD)

Die unter König Jayavarman VII. entstandene Hauptstadt Angkor Thom umfasste nur den nördlichen Teil der ersten Khmer-Hauptstadt Yasodharapura. Sie war trotzdem größer als alles, was es in Europa zu dieser Zeit gab. Die quadratisch angelegte Stadt war 3 x 3 Kilometer groß und ein Großteil ihrer Außenmauern sind heute noch vorhanden. Ein 100 Meter breiter Wassergraben umfloss die gesamte Stadt, die nur durch fünf Tore betreten werden konnte.

In seiner Grundstruktur war die Stadt ähnlich einem Tempelberg aufgebaut und stellte das damalige Weltbild dar: In alle vier Himmelsrichtungen symmetrisch, von Wasser umflossen und mit dem Staatstempel Bayon, der den heiligen Berg Meru symbolisierte.

Die vier Tore von Angkor Thom

Von Angkor Wat kommend, durchläuft (oder durchfährt) man das eindrucksvolle, von einem riesigen Gesicht geschmückte Südtor. Beiderseits der Brücke über den Wassergraben stehen steinerne Wächter, die aussehen, als würden sie mit der Balustrade Tauziehen veranstalten.

Die Tore im Norden und Westen sind Kopien des Südtores, allerdings in weitaus schlechterem Zustand, da sie kaum noch genutzt werden. Jenseits dieser Tore bekommt man einen Eindruck, wie es wohl gewesen sein muss, als Archäologen auf die Überreste Angkor Thoms stießen. Insbesondere am Westtor, hinter dem sich nur noch ein dünner Pfad durch den Dschungel schlängelt, kann man einen Meter neben den Überresten einer dieser Wächterstatuen stehen, ohne sie im Dickicht zu sehen.

Im Osten der Stadt gibt es gleich zwei Tore, das sinister bezeichnete „Tor der Toten“ (Gate of the Dead) und das „Siegestor“ (Victory Gate). Vermutungen gehen dahin, dass letzteres als normales Zugangstor genutzt wurde, welches außerdem direkt auf die Siegesallee führte und auch für Paraden genutzt wurde. Durch das „Tor der Toten“ sollen demzufolge die Verwundeten und Toten der Feldzüge gebracht worden sein, um keinen Schatten auf das Zeremoniell ein paar hundert Meter weiter zu werfen.

Auch diese beiden Tore werden kaum besucht und Mr. Pyep schlug vor, dass wir auf der ehemaligen Stadtmauer vom Gate of the Dead zum Victory Gate laufen könnten. Ein kurzer Spaziergang, auf dem wir uns vorstellten, wie hier oben einst die Wachen Ausschau gehalten haben müssen. Und eine Möglichkeit, am Ende des Mauerstücks das „Siegestor“ aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen.

Bayon (um 1200 AD)

Dieser Tempel, Staatstempel von Jayavarman VII. und Zentrum seiner Hauptstadt Angkor Thom, ist der dritte im Bunde der bekanntesten Tempel Angkors. Berühmt wurde Bayon durch die meterhohen Gesichter, die seine vielen Türme zieren. 54 Türme sollen es insgesamt sein – einer für jede der 54 Provinzen des Khmer-Reiches.

Um wessen Gesicht es sich handelt, das da hundertfach in Stein gemeißelt wurde (und das sich auch an den Zugangstoren zur Stadt findet), ist bis heute ungeklärt. Es gibt Theorien, nach denen es sich um das Antlitz des Königs handelte. Andere sagen, es sei das Gesicht des Bodhisattva Lokeshvara, des Erleuchtungswesens des universellen Mitgefühls. Um auf letzteres näher einzugehen, fehlt uns leider nach wie vor zu viel Wissen zu den verschiedenen Ausprägungen des Buddhismus. Wahrscheinlich ist ohnehin beides wahr, denn der Bodhisattva-Kult war eng verknüpft mit dem des vergöttlichten Königs.

Architektonisch weist Bayon noch weitere Besonderheiten auf. Das zentrale Heiligtum ist nicht, wie bei anderen Tempeln Angkors üblich, quadratisch, sondern rund. Und Bayon wurde stärker als andere Tempel erweitert und umgebaut. Jahrhundertelang wurden keiner erkennbaren Logik folgend immer wieder weitere Räume, Säulengänge, Heiligtümer innerhalb des Tempels errichtet. Es ist daher beinahe unmöglich, eine sinnvolle Beschreibung seines Aufbaus zu erstellen. Tatsächlich hatten Jan und ich uns innerhalb von Minuten verlaufen und stolperten einfach nur von faszinierendem Relief zu extrem engem Durchgang, von mildtätig lächelndem Gesicht zu fein verziertem Torbogen.

Ta Som (um 1200 AD)

Auch die Errichtung Ta Soms fällt in die Zeit der Regentschaft Jayavarman VII. Über die Geschichte und den Zweck des Tempels ist nicht viel bekannt. Aufbau und Grundriss dieses recht kleinen Flachtempels ähneln denen von Ta Prohm. Und auch die „Dschungel“-Atmosphäre ist ähnlich. Ta Som wird deshalb auch häufig als Miniatur-Ta Prohm bezeichnet.

Srah Srang (um 1200 AD)

Genau wie der östliche Baray ist Srah Srang ein altes Wasserreservoir. Dieses allerdings ist während der Regenzeit noch geflutet und soll besonders zum Sonnenuntergang ein schöner Ort sein. Da wir quasi in der trockensten Woche des Jahres dort waren, konnten wir uns nur sehr beeindruckt zeigen von den Ausmaßen dieses künstlich angelegten Reservoirs (das ganze 700 x 350 Meter misst).

Neak Pean (um 1200 AD)

Auch bei der Besichtigung von Neak Pean schlug uns die Trockenzeit ein kleines Schnippchen. Dieser kleine Tempel steht in der Mitte von kleinen Pools und erinnert an eine sich öffnende Lotusknospe. Immerhin waren diese Wasserbecken noch nicht völlig ausgetrocknet und vermittelten zumindest einen kleinen Eindruck von dem Zauber, den dieser Tempel einmal verströmt haben muss.

Neak Pean und seine Pools befinden sich wiederum auf einer Insel in der Mitte des nördlichen Baray (3.500 x 900 Meter groß). Letzterer ist inzwischen fast das gesamte Jahr über trocken. Ein Teil muss gelegentlich noch unter Wasser stehen – anders wären die angebotenen Bootstouren nicht zu erklären. Uns bot sich auf dem Weg zur Insel Neak Peans stattdessen eine faszinierende, wenn auch leicht verstörende Sumpflandschaft aus abgestorbenen Bäumen und Tümpeln.

Die Architektur und das Arrangement des Tempels ist in der Khmer-Baukunst einzigartig und man fragt sich unwillkürlich, für wen Jayavarman VII. ihn wohl bauen ließ.

Preah Palilay (zwischen 1200 und 1400 AD)

Die Datierung dieses kleinen, etwas versteckten Tempels scheint schwierig zu sein. Der Baustil ähnelt dem von Angkor Wat, der Tempel könnte also schon vor 1200 entstanden sein. Bauschmuck und buddhistische Reliefs legen eine Entstehung während der Regierungszeit Jayavarman VII. nahe. Dass diese Reliefs noch existieren ist für die Bauten seiner Epoche aber eher ungewöhnlich. Buddhabildnisse wurden während der Zeit des übernächsten Königs Jayavarman VIII. üblicherweise zerstört.

Für Besucher ist Preah Palilay vor allem aus ästhetischen Gründen interessant. Mehrere Bäume nehmen den kleinen, ziemlich steilen Turm in Beschlag genommen. Und er liegt so abseits der ausgetretenen Touristenpfade, dass man hier durchaus noch Ruhe und Idylle finden kann.

Prasat Suor Prat (nach 1200 AD)

Diese Reihe von zwölf Prasats befindet sich innerhalb von Angkor Thom, gegenüber der Terrasse der Elefanten und schirmt den Nördlichen und den Südlichen Khleang optisch ein wenig ab. Die Siegesallee Angkor Thoms zertrennt die Prasats mittig in zwei Sechsergruppen.

Anordnung, Zahl und architektonische Besonderheiten geben Archäologen bis heute Rätsel auf. Die Funktion dieser zwölf Gebäude ist weiterhin unklar. Auch die von dem chinesischen Abgeordneten Zhou Daguan niedergeschriebene Geschichte wird von Historikern heftig angezweifelt. Ihm zufolge sollen bei Streitigkeiten vor Gericht die beiden Gegner drei Tage und drei Nächte in jeweils einen der Prasats gesperrt worden seien, während sie von Mitgliedern der Familien bewacht wurden. Am Ende dieser Zeit sei ein Kontrahent gesund, der andere aber krank seinem Turm entstiegen. So hätten die Götter gezeigt, welcher der beiden im Recht und welcher im Unrecht war.

Terrasse der Elefanten (nach 1200 AD)

Die Terrasse der Elefanten befindet sich am Ende der Siegesallee Angkor Thoms und wurde von Jayavarman VII. gebaut, um der Rückkehr seiner siegreichen Truppen beizuwohnen. Auch andere Zeremonien und Spiele, die auf dem großen Platz davor stattfanden, schaute sich die königliche Familie von hier aus an.

Zhou Daghan schrieb in seinem Reisebericht, dass der König sich hier täglich die Sorgen und Nöte seiner Untertanen anhörte.

Die Terrasse ist beeindruckende 350 Meter lang und 14 Meter breit. Die namensgebenden Elefanten finden sich neben allerhand anderer Kreaturen in verschiedenen Flachreliefs und als große dreidimensionale Reliefs.

Terrasse des Lepra-Königs (Mitte des 13. Jahrhunderts AD)

Die Terrasse mit dem morbiden Namen befindet sich gleich neben der Terrasse der Elefanten. Sie beeindruckt weniger durch ihre Größe als vielmehr durch ihre kunstvollen und deutlichen Reliefs, die den gesamten Sockel umfassen. Interessanterweise wurden die originalen Reliefs zugeschüttet und die so entstandene neue Außenwand mit neuen Reliefs verziert.

Die inneren Reliefs, die kunstvolle siebenköpfige Nagas, Dämonen, Prinzen und Prinzessinnen zeigen, waren so kaum witterungsbedingtem Zerfall ausgesetzt und konnten in makellosem Zustand ausgegraben werden. Ein Gang zwischen innerer und äußerer Wand macht diese heute zugänglich.

Der Name der Terrasse rührt übrigens von einer Statue her, von der man annahm, sie zeige den ersten König Angkors, Yasovarman I., der an Lepra erkrankt war. Heute geht man davon aus, dass die Statue den hinduistischen Todesgott Yama darstellt. Damit einher geht die Vermutung, auf dieser Terrasse hätten rituelle Verbrennungen toter Mitglieder der Königsfamilie stattgefunden.

Prasat Top West (Ende des 13. Jahrhunderts AD)

Der „neueste“ Tempel, den wir uns anschauten, war gleichzeitig eine der größten Überraschungen. Ich war durch Zufall auf Bilder dieses kleinen, überwucherten Tempels in Angkor Thom gestoßen. Da Prasat Top West auf keiner Karte verzeichnet ist, erhofften wir uns hier noch so ein unbekanntes Juwel, das wir nur für uns haben würden. Selbst Mr. Pyep, der seit zehn Jahren als Tuk Tuk Fahrer in Angkor tätig ist, hatte von dieser Ruine noch nichts gehört.

Wir rechneten mit viel Dschungel und standen plötzlich auf einer Baustelle. Prasat Top West wird derzeit ganz augenscheinlich restauriert und rekonstruiert. Die Arbeiter, die gerade dabei waren, Steine zurecht zu schleifen, zu vermessen und allerlei andere kryptische Dinge zu tun, schauten mindestens genau so verdutzt drein wie wir. Sie hinderten uns aber nicht daran, uns ein wenig umzuschauen. Spannend, wie diese Rekonstruktionsarbeiten ablaufen!

Fazit

Angkor ist und bleibt einzigartig. All unsere Worte und Bilder können leider nur einen schwachen Eindruck davon vermitteln, wie es ist, inmitten dieser jahrhundertealten Mauern zu stehen, diese wunderbaren Steinreliefs zu sehen und sich nicht vorstellen zu können, wie prächtig all das einmal gewesen sein muss.

Nach drei intensiven Tagen Tempelbeguckens, Tempelerkletterns, Tempelbestaunens, Tempelfotografierens setzte sogar bei uns so etwas wie eine leichte Tempelmüdigkeit ein. Wir hätten trotzdem nichts anders machen wollen. Angkor gehört wie Machu Picchu zu den großen Wundern unserer Erde. Wir sind dankbar dafür, dort gewesen sein zu können und zählen sie zu den Höhepunkten unserer Weltreise. Dass wir dafür ein wenig „arbeiten“ mussten, macht unsere Erfahrungen nur umso wertvoller.

8 Comments

  1. Da hattet ihr ja ein straffes Programm. Danke für diesen extrem ausführlichen Bericht. Und ihr habt Recht die Bilder können das Feeling nicht rüber bringen. Zumindest hatte ich mir Angkor Wat beeindruckender vorgestellt. Da mag ich die Tempel lieber wo sich die Bäume die Steine einverleiben lieber.
    Und ich kann Jan voll verstehen mir wären 38°C auch einfach zu viel. Ein hoch auf unseren kühlen Norden.
    Euch noch eine schöne Zeit. Und vielleicht mal ein paar Grad weniger auf dem Thermometer 🙂

    Avatar Mina
    1. Hallo meine Liebe :-*
      nachdem wir Deinen Kommentar gelesen haben, haben wir beschlossen, nun häufiger “Größenvergleichsbilder” in solchen Tempeln zu machen. Sprich, einer von uns muss sich staunend in die Ruinen stellen, damit Ihr Daheimgebliebenen seht, wie riesig die eigentlich sind. 😉 (Wobei wir das in Angkor ja ab und zu schon mal gemacht haben, aber da sieht man uns wohl nicht, weil wir in zwischen all den Steinen eher untergehen, wie Jan meinte.)
      Die von Bäumen umschlungenen Tempel mögen wir auch mit am liebsten. Deshalb war unser anschließender Ausflug nach Kampong Thom auch gar nicht so enttäuschend, obwohl Sambor Prei Kuk natürlich viel kleiner als Angkor ist.
      Und danach hatten wir dann auch mal ein paar Grad weniger auf dem Thermometer. Aber so ist das halt, wenn man während der Trockenzeit nach Asien reist. Dafür gibt’s dann auch weniger Touristen, und das ist wirklich eine Menge wert!

  2. Bei mir hat die Tempelmüdigkeit so ca. nach der 5. Beschreibung beim Lesen schon angefangen. Erinnert mich ein bisschen an Ayuttayah. Es ist alles wunderschön, aber irgendwann tanzen einem die Steine vor den Augen rum, sogar wenn man sie schließt.
    Ich finde die vielen Reliefs und Gesichter interessant. Das gab es ja bei den thailändischen Tempeln nicht. Und die Würgefeigen sind großartig! Diese Wurzeln! 😍
    Wie immer habt ihr großartige Bilder geschossen und euch viel Mühe bei dem Bericht gegeben. Vielen Dank dafür! 😘

    1. Na toll, niemand mag unseren Angkor-Bericht. 😉
      Ja, ich gebe zu, es waren wirklich viele Tempel. Aber sie waren nun mal alle großartig und einzigartig und wir hätten eigentlich keinen einzigen auslassen wollen. Danke, dass Du Dich trotzdem hindurchgequält hast. 😉

      1. Oh, das stimmt aber so nicht ganz. Diese Berichte und die dazu gelieferten Fotos sind wunderbar, man braucht nur wirklich Zeit, um sich alles duchzulesen und anzuschauen. Die Tempel sind sehr beeindruckend, und die Fotos zeigen durchaus die Größe an, gerade dort, wo ihr selbst so klein erscheint, dass ihr (fast) untergeht, bekommt man eine ungefähre Vorstellung von der schier überwältigenden, machtvollen Größe der Anlagen.
        Beeindruckend auch die Wurzeln der Bäume, die sich die Tempel erobert haben (Ents in Asien 😉 ).
        Und die – manchmal offenbar noch sehr gut erhaltenen – Statuen von Löwen, die immer noch stolz ihre Brust vorstrecken und den Kopf hoch halten, als wollten sie möglichst beeindruckend wirken.
        Auch die steinernen Wächte lassen mich staunen, offenbar ist jedes Gesicht anders, ähnlich der chinesischen Terrakotta-Armee.

        Avatar Kirsten55
        1. Ich freue mich, dass Dir dieser ausführliche Bericht gut gefallen hat. 😉 Es fiel mir einfach zu schwer, einzelne Tempel unerwähnt zu lassen, weil sie alle einzigartig und einen Besuch wert sind.
          Die Bäume und die Reliefs und Statuen, das sind wirklich zwei der bemerkenswertesten Aspekte Angkors – neben der schieren Größe und dem Fortschritt, der sich in der Architektur und Anlage der Städte zeigt. Übrigens sind nicht nur die Statuen “Individuen”, sondern auch die Figuren in den Reliefs. Das ist um so unglaublicher, als es davon wortwörtlich tausende gibt.

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