Natürlich wussten wir, dass wir nicht um weitere Busfahrten in Laos, geschweige denn im Rest von Asien herumkommen würden. Dass ausgerechnet der nächste Abschnitt unserer Reise eine besonders abwegige und von Touristen selten befahrene Strecke sein würde, war nicht zu ändern. Wir hofften einfach darauf, mit der Fahrt nach Thakhek unser gesamtes schlechtes Buskarma aufgebraucht zu haben.

Wir wollten unbedingt diese riesigen, über 2.000 Jahre alten Steinkrüge sehen, die in der Gegend um Phonsavan herumliegen. Pingpong, so der Name unseres Hostelinhabers in Thakek, war glücklicherweise richtig engagiert. Er fand schließlich einen Bus für uns, der uns ohne Umstieg nach Phonsavan bringen sollte und fuhr uns sogar selbst zu der unscheinbaren Straßenecke, an der wir eingesammelt werden sollten. Gott sei Dank, denn wir hätten den Busfahrer nicht alle fünf Minuten anrufen können, um ihm Beine zu machen. Nebenbei erfuhren wir noch eine ganze Menge über laotische und thailändische Eigenarten (Pingpong ist eigentlich Thailänder), was uns wenigstens die Zeit vertrieb und uns insofern beruhigte, als dass er uns bestätigen konnte, der Busfahrer habe „wenigstens nicht betrunken geklungen“.

Größter Nachteil der Fahrt war eigentlich, dass wir mitten in der Nacht an einem völlig verlassenen Busterminal in Phonsavan ankamen. Sogar eine Stunde früher als geplant! Mit Hilfe unseres Busfahrers und viel Gestikulieren erreichten wir unsere hiesige Unterkunft und wurden bald darauf abgeholt.

Das Kriegserbe von Phonsavan

In Phonsavan selbst ist für Reisende nicht viel zu holen. Die örtliche Tourismusindustrie befindet sich sozusagen im Aufbau. Man hofft, dass die Ebene der Steinkrüge bald in den Kanon der Weltkulturerbestätten aufgenommen wird (Update Juli 2019: Die UNESCO hat die Steinkrüge in die Liste der Weltkulturerbestätten aufgenommen). Bis dahin lockt vor allem die Landschaft um Phonsavan mit (so erzählte man uns) wundervollen Aussichten, Höhlen und Wasserfällen.

Doch hierbei ist Vorsicht geboten! Denn Phonsavan gehört zu den am heftigsten bombardierten Gegenden der Welt. Während des Vietnamkriegs, der hier als Zweiter Indochinakrieg bekannt ist, warfen die USA über Laos mehr als zwei Millionen Tonnen Sprengkörper ab, was 0,833 Tonnen pro Einwohner entspricht.

Der geheime Krieg

Notiz eines Vietnam-Veteranen an der Pinnwand im MAG-CenterAmerika wollte im Norden Laos’ die laotische kommunistische Bewegung vernichten und im Süden den Ho Chi Minh Pfad unterbrechen. Beides glaubte man nur mit exzessiver Flächenbombardierung zu erreichen. Weil dies nicht schon furchtbar genug war, leugnete die amerikanische Regierung jahrelang, Laos in irgendeiner Form anzugreifen. Deshalb ist dieser Teil des Zweiten Indochinakriegs zynisch als „geheimer Krieg“ bekannt. Während Laoten in Höhlen kauerten und das schlimmste Bombardement in der Menschheitsgeschichte durchlebten, inszenierten sich die USA als Verteidiger der Freiheit und letztes Bollwerk gegen den Kommunismus.

Zwischen 1964 und 1973 wurde durchschnittlich alle acht Minuten ein Angriff geflogen. Neun Jahre lang, jeden einzelnen Tag, rund um die Uhr. Über 4 Millionen große Bomben mit einem Gewicht von 100 bis 3.000 Pfund wurden abgeworfen, sowie 270 Millionen Streubomben. Man geht davon aus, dass 30 % davon damals nicht explodierten, weil sie zu tief abgeworfen wurden oder eine Fehlfunktion hatten.

All diese Blindgänger lauern bis heute im Boden Laos‘ und fordern jedes Jahr Todesopfer und Verletzte. Verschiedene Organisationen arbeiten daran, das Land von diesen sogenannten UXOs (Abkürzung für „Unexploded Ordnance“) zu befreien. Doch die Arbeit ist gefährlich, mühevoll und geht nur schleppend voran. Bei dem derzeitigen Fortschritt wird das Land erst in über 100 Jahren „sicher“ sein.

MAG: Lebensretter

An unserem ersten Tag in Phonsavan regnete es fast ununterbrochen. Wir verschoben also die Fahrt zu den Steinkrügen und taten das Einzige, was man in der Stadt selbst tun kann: Wir besuchten das MAG Visitor Centre und das UXO Survivors‘ Information Centre. Beklemmende, aber auch lehrreiche Besuche.

MAG, die Mines Advisory Group, ist eine internationale Organisation, die seit 1989 Landminen, Streubomben und andere Blindgänger sucht, findet, entfernt und zerstört. Daneben informieren sie und klären die lokale Bevölkerung über die Risiken von Blindgängern auf. Ein wichtiger Aspekt ist außerdem die Ausbildung von einheimischen Mitarbeitern zu Bombenentschärfern und Botschaftern.

So werden zum einen Ressourcen vergrößert, damit es nicht noch länger dauert, bis ein Land minen- oder bombenfrei ist. Zum anderen kann nur so sichergestellt werden, dass keine lokalen Sitten verletzt oder Tabus gebrochen werden, dass die Akzeptanz und das Verständnis der oft einfachen Landbevölkerung wächst und dass die Hilfe dort ankommt, wo sie den größten Effekt hat.

Denn Blindgänger bedrohen nicht nur das Leben der Menschen hier. Sie sind auch hauptverantwortlich für die Armut und die Mangelernährung in großen Teilen des Landes. Wer Angst davor hat, bei der Feldarbeit von einer Bombe in Stücke gerissen zu werden, wird sein Feld nicht größer anlegen als unbedingt notwendig. Und er wird nicht so tief graben, wie es für eine bessere Ernte vielleicht gut wäre. Als direktes Resultat liegen große Ackerflächen brach, die vor dem Krieg noch gute Erträge brachten. Solches Land ist ein Fokus von MAG.

Bomb Harvest

Daneben werden aber nach wie vor Bomben in Dörfern, unter Straßen oder auf Schulhöfen gefunden, die sofortige Aufmerksamkeit verlangen. Denn der illegale Handel mit Altmetall blüht. Für lachhaft geringes Geld wird alles, was irgendwie metallisch ist, aufgekauft. Trotz der Gefahr ist dieses Geld verlockend genug, dass erwachsene Menschen, aber auch kleine Kinder an Bombenköpfen herumschrauben oder im Wald nach Schrapnell suchen.

Wir schauten uns im MAG Visitor Centre den hervorragenden Dokumentationsfilm „Bomb Harvest“ an. Wer die Möglichkeit hat, sich diesen einmal anzuschauen, sei er wärmstens ans Herz gelegt! Der Film begleitet den australischen Bombenentschärfer Laith Stevens und sein größtenteils laotisches Team über mehrere Wochen. Er beleuchtet neben der Arbeit des Teams auch die Auswirkungen der allgegenwärtigen Blindgänger auf die Bevölkerung, deren Umgang damit und die oben angedeuteten Schwierigkeiten und Verwicklungen. Ein Bild, das sich mir eingebrannt hat, war der Ausdruck eines kleinen Mädchens, das der gerade auf ihrem Schulhof entschärften Bombe beim Abtransport hinterherblickt. Auf ihrem Gesicht mischten sich Erleichterung über die gebannte Gefahr und Bedauern über all das wertvolle Altmetall, das nun weggebracht wurde.

Antike Begräbnisrituale

Auch die Ebene der Steinkrüge hat stark unter dem amerikanischen Bombardement gelitten. Viele der Steingefäße wurden damals zerstört oder beschädigt. Es sind immer noch Bombenkrater und Schützengräben zu sehen, die zeigen, wie heftig die Gegend umkämpft war.

Weitere Beschädigungen gehen auf das Konto von Plünderern und in jüngster Zeit von Touristen. Sie klettern leider immer wieder auf und in die Steinkrüge. Für uns unverständlich, vor allem wenn man bedenkt, wie alt die Krüge sind.

Im Gegensatz zu anderen Kulturen ähnlichen Alters (500 BC bis 200 AD) ist beinahe nichts bekannt über die Menschen, die die Steinkrüge angefertigt haben oder über den Zweck der Behältnisse. Lokale Legenden besagen, die Krüge seien für die Fermentierung von Reiswein genutzt worden. Archäologen gehen heute eher davon aus, dass es sich um einen Bestandteil der damaligen Begräbniszeremonie handelte.

In den frühen 1930er Jahren kam die französische Geologin und Amateurarchäologin Madeleine Colani nach Phonsavan, um die mysteriösen Steinkrüge zu untersuchen. Sie entdeckte dabei Glasperlen und menschliche Überreste, sowie eine Höhle, die vermutlich als Krematorium genutzt wurde. Zumindest legen die beiden künstlichen Durchbrüche in der Decke und verschiedene archäologische Untersuchungen dies nahe.

Daneben ist es wahrscheinlich, dass hier die sogenannte Nach- oder Sekundärbestattung vollzogen wurde. Dabei wurden die Verstorbenen wohl in die Krüge gelegt und man wartete, bis nur noch Knochen übrig waren. Diese wurden daraufhin in Gräbern um die Gefäße herum bestattet. Große runde Steinscheiben auf dem Boden dürften demzufolge Grabmarkierungen gewesen sein und nicht, wie man auf den ersten Blick vermuten würde, die Deckel der Steinkrüge. Ein ähnliches Vorgehen war uns schon im Konvent San Francisco und den darunter liegenden Katakomben in Lima begegnet.

Sites 1, 2, 3

Von über einhundert Fundstätten, an denen es Steinkrüge geben soll, sind gerade einmal sieben so weit von UXOs bereinigt, dass sie als sicher gelten. Trotzdem ist es ratsam, ein Auge auf die MAG-Markierungen zu haben. Sie zeigen, wo nur an der Oberfläche und wo auch in der Tiefe gesucht wurde.

Die größte dieser Stätten ist die sogenannte „Site 1“. Dort befindet sich neben oben erwähnter Höhle auch der einzige Steinkrug mit einem Relief. Die menschliche Gestalt scheint zu knien und ihre Arme gen Himmel zu recken. Vielleicht war dies ja der Aufbewahrungskrug für einen besonders wichtigen oder heiligen Toten?

Wir hatten uns für unseren Ausflug zu den Steinkrügen ein Moped geliehen und besuchten auch die beiden Fundorte 2 und 3. Während sich Nummer 1 in einer hügeligen, recht freien Landschaft befindet, liegt Nummer 2 in einem Wald. Hier umschlingt die ein oder andere Würgefeige die Sandsteingefäße.

Der Weg dorthin, sowie zum Fundort Nummer 3, war recht abenteuerlich, da die Straßen mehr aus Schlaglöchern bestehen als aus geraden Flächen. Die Mühe wurde allerdings mit dem Gefühl belohnt, sich wirklich abseits ausgetretener Touristenpfade zu bewegen. Hier erhielten wir noch einmal einen Einblick in echtes laotisches Landleben. Nachdem wir nun mehr über die allgegenwärtige Bedrohung durch Blindgänger wussten, schauten wir außerdem mit anderen Augen hin. Beim Überqueren der Felder hin zur „Site 3“ waren wir dann auch sehr froh über die Markierungen der MAG.

Bio-Seide

Nach dem gestrigen Regensturz hatte es das Wetter am heutigen Tag mehr als gut gemeint mit uns. Wir forderten unser Glück noch ein wenig mehr heraus und machten auf dem Rückweg einen Schlenker über eine Seidenfarm.

Die Mulberry Organic Silk Farm stellt einhundertprozentig biologische Seidenprodukte her. Vom Futter für die Seidenraupen bis hin zur Farbe wird alles vor Ort angebaut und weiterverarbeitet. Die Angestellten und die Weberinnen stammen alle aus den Dörfern der Umgebung. Sie erhalten hier die Möglichkeit, gutes Geld zu verdienen, um ihren Familien ein vernünftiges Leben und ihren Kindern eine Schulbildung zu ermöglichen. Ganz nebenbei entstehen hier einfach unglaublich schöne Seidendecken, -schals und weitere Produkte.

Wir staunten nicht schlecht darüber, wie die Seidenraupen in ihren Kokons gekocht wurden, um die Seidenfäden abzuwickeln. Teilweise geschah das manuell, teilweise maschinell. Nun taten mir zwar die Raupen ein wenig leid, die dafür ihr Leben lassen mussten, aber wenigstens werden sie nicht einfach entsorgt. Wir hatten schon viele Raupen, Käfer und Larven auf örtlichen Märkten in Südostasien gesehen. Auf die Seidenraupen, die nicht von den Angestellten verzehrt oder nach Hause mitgenommen wurden, wartete das gleiche Schicksal.

Im Gebäude, in dem die Fäden abgespult wurden, roch es dementsprechend immer leicht nach gedämpften Klößen. Die lachenden Frauen, die uns eine Kostprobe anboten, staunten nicht schlecht, als Jan zugriff. Er sagte, die Raupen schmeckten recht unspektakulär und waren von ihrer Konsistenz her eher schleimig.

In einem anderen Gebäude standen die riesigen Webstühle, auf denen solche Kunstwerke entstanden, wie wir sie selten gesehen haben. Insbesondere eine ältere Frau imponierte uns ungemein, wie sie mit unzähligen Zusatzvorrichtungen und Fäden ein unglaublich kompliziertes Muster webte. Wie sie dabei den Überblick behielt, war uns ein Rätsel.

4 Comments

  1. Also wenn ich mich so in einem halben Minenfeld bewegen müsste, dann würde mir schon anders werden….auch, wenn es eigentlich schon auf den Pfaden gereinigt wurde. Obwohl diese Töpfe sehr interessant und vor allem fotogen aussehen.
    Das Schicksal der Seidenraupen ist irgendwie traurig. Ich habe sie in Japan hier und da mal gesehen und fand, dass sie immer etwas Snoopyhaftes hatten mit ihrem kleinen Schwänzchen. 🙂

    1. Ehrlich gesagt haben wir die Gefahr – die ja trotz der Räumung durchaus vorhanden war und ist – ein bisschen zur Seite gedrängt. Wir sind nicht von den Straßen runter und haben uns auch nicht groß von den Pfaden weg bewegt (und nie außerhalb der zumindest oberflächlich geräumten Gebiete). Trotzdem bleibt immer ein Risiko, zumal die meisten Gebiete nicht richtig durchgeröntgt werden. Dafür reichen Zeit und Geld nicht. Hoffentlich ändert sich das zumindest für diese Gegend nun, da die Ebene der Tonkrüge zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt wurde.

      Das Snoopyhafte haben wir in den Seidenraupen irgendwie nicht gesehen. Aber traurig ist es schon, was die fleißigen Tierchen erwartet. Wenigstens werden sie hier noch weiterverwendet und nicht einfach nur weggeschmissen. Jan war vom Geschmack zwar nicht so angetan, aber proteinreich sind sie sicher.

  2. Liebe Maria,

    über Linkedin bin ich auf Deinen Reisebericht gestoßen.
    Es ist toll, das ihr den Entschluss gefasst habt und zu dieser Reise aufgebrochen seid. Ich habe in der letzten Stunde nur da und dort mal kurz in Deine Berichte hineinschnuppern können.
    Ich bin begeistert und berührt wie lebendig Du Deine Eindrücke einen miterleben lassen kannst sowie die historischen Hintergründe die Du bildlich dabei vermittelst. Auch das Du bei den spannenden Abwechslungen und Wirren des Reisealltages immer wieder die Ruhe gefunden hast Deine Erlebnisse und Gedanken in einer so warmherzigen Worten aufzuschreiben und mit schönen Fotos zu gestalten ist bemerkenswert.
    Bestimmt werde ich hier noch mit großem Interesse weiter lesen.

    s – O – nnige Grüße

    Gotthard

    Avatar Gotthard
    1. Hallo lieber Gotthard,

      welch eine Überraschung! Und wofür LinkedIn doch gut sein kann. Wie schön, dass Du den Weg auf unseren Blog gefunden hast und dass er Dir sogar gefällt. Vielen Dank für Deine Worte und das tolle Lob.

      Das Schreiben und auch das Bearbeiten der Fotos war tatsächlich nicht immer leicht, so nebenbei. Und wir hinken ja auch ein ganzes Stück hinterher… Aber wir sind fest entschlossen, all unsere Abenteuer noch nachzutragen.

      Unterwegs ging das mal mehr, mal weniger gut. Zum Glück waren und sind wir ja zu zweit, so dass ich die Arbeit nicht allein mache. Jan schreibt inzwischen zwar weniger, aber ohne ihn gäbe es nur einen Bruchteil der Fotos und ganz gewiss keine so schönen.

      Viele Grüße!
      Maria

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