Machu Picchu: ein echtes Weltwunder

Machu Picchu: ein echtes Weltwunder

Es  gibt nicht viel, was wir unbedingt auf unserer Reise sehen wollen. Eigentlich stehen nur die Galapágos-Inseln, Tasmanien und das Taj Mahal auf dieser Must-See Liste. Und auch wenn für viele Südamerika-Reisende Machu Picchu ebenfalls auf eine solche Aufstellung gehört, so waren wir uns bis vor wenigen Wochen nicht sicher, ob wir wirklich dorthin wollen. Zu viele Touristen, zu teuer, zu umständlich und überhaupt. Aber irgendwie setzte sich dann nach und nach der Gedanke fest, dass wir vielleicht doch diese wichtigste aller Inka-Stätten besuchen sollten, wenn wir jetzt schon einmal in Peru sind.

Um es vorweg zu nehmen: Wir haben es nicht bereut! (Und ich habe einmal wieder viel über mich gelernt. Bleibt zu hoffen, dass ich auch daraus lerne.)

Viele Wege führen nach Machu Picchu

Natürlich kann man „einfach“ mit dem Zug nach Aguas Calientes fahren, das ist die Kleinstadt direkt unterhalb des Machu Picchu, und von dort den Bus nach oben nehmen. Das ist sicher die einfachste, schnellste und unspektakulärste Weise, um dieses „neue“ Weltwunder zu sehen.

Daneben gibt es aber auch noch verschiedene mehrtägige Trecks, an deren Ende als Highlight der Besuch der Inka-Stadt steht. Der Inka-Trail ist dabei der bekannteste, vielleicht auch schönste, vor allem aber teuerste und für das nächste halbe Jahr ausverkaufte Weg. Unnötig zu erwähnen, dass wir den nicht betreten haben. Wir haben uns stattdessen für den Salkantay Treck entschieden, von dem wir ebenfalls viel Gutes gehört hatten. Außerdem bot dieser den riesigen Vorteil, dass er nicht limitiert ist und man demnach auch kurzfristig noch Platz in einer Tourgruppe findet.

Gemeinsam mit Carina und Cordula packten wir uns also warme Klamotten, Taschenlampen und Knabberkram für fünf Tage ein und hofften, dass der Treck halten würde, was uns versprochen wurde.

Der Salkantay-Treck

Wie der Name des Trecks schon verrät, führt er, wenn auch nicht auf, so doch wenigstens am Salkantay vorbei. Das ist mit 6.264 Metern der höchste Berg in der Cordillera Vilcabamba, die zu den peruanischen Anden gehört. Ganz nebenbei ist es außerdem ein sehr schöner, schneebedeckter Berg.

Der Salkantay Treck ist außerdem so beliebt, weil er gleich durch mehrere Klima- und Vegetationszonen führt. Läuft man anfangs noch durch spärlich bewachsene, karge Berglandschaften, die am zweiten Tag zunehmend schneebedeckter und kälter werden, so steigt man nach Überquerung des Salkantay-Passes in gut 4.600 Meter Höhe hinab in den peruanischen Regenwald.

Das macht die Tour spannend und abwechslungsreich. Es macht aber auch das Packen zu einer schwierigen Aufgabe, denn was zieht man bitteschön an, wenn es nachts bis – 10 °C werden kann, tagsüber fast 30 °C, und es einem beim Wandern ohnehin abwechselnd kalt und warm wird (stellt euch eisige Winde und wärmende Sonne vor, neben der körperlichen Anstrengung). Glücklicherweise darf man an den ersten drei Tagen einen Teil seines Gepäcks den Lastenpferden, bzw. einem Auto mitgeben.

Gruppen- und Guidedynamik

Neben der Organisation des Trecks durch den Veranstalter steht und fällt so eine Tour meist mit der Gruppe in der man reist und natürlich mit dem Guide. Während ich mit einem Teil unserer Mitwandernden nicht so recht warm wurde (wir hatten u.a. zwei sehr egozentrische Argentinier dabei, an denen sich ein Großteil des Trecks orientieren musste), hatten wir mit unserer Führerin großes Glück. Ja, ihr habt richtig gelesen: Auf dem Salkantay-Treck arbeiten sicher hunderte Guides, von denen aber nur zwei weiblich sind, und eine davon haben wir zugelost bekommen.

Veronica ist eine unglaublich engagierte, kleine Peruanierin mit Zahnspange, die sie gleich noch einmal sympathischer machte. Und sie verstand es ausgezeichnet, das Gleichgewicht auch zwischen Spanisch- und Englisch-sprechenden Gruppenmitgliedern zu finden. Leider wurde sie von einem ungleich unkompetenteren Partner namens Onorato begleitet. Wir scherzten, dass Veronica wohl das Hirn für beide bekommen hatte. Und auch wenn das gemein ist, zumindest was Kompetenz und Leidenschaft für ihren Beruf betrifft, war das auf jeden Fall so.

Auf zum Gletschersee

Wie alle Touren in Südamerika startete auch diese zu nachtschlafender Zeit mit einer längeren Busfahrt, um überhaupt in die Nähe von schöner Landschaft zu kommen. Dann galt es noch den obligatorischen Frühstücksstopp zu überstehen und endlich, endlich konnten wir losmarschieren.

Wie ebenfalls üblich, ist auch beim Salkantay-Treck der zweite Tag der härteste. Das heißt, wir konnten uns zunächst noch ohne zu hecheln an den Bergen und Tälern sattsehen. Zunächst, denn am Nachmittag stand ein optionaler Ausflug auf dem Programm: unweit des ersten Camps versteckt sich hinter einer kleinen Bergkette (hier würde man wohl eher von Hügeln sprechen) die Laguna Humantay.

Der Aufstieg dorthin sollte quasi der Lackmustest für die Kondition der Gruppe hinsichtlich des kommenden Tages werden. Unsere kleine Vierergruppe entschied sich folgerichtig auch gleich für den schwierigeren Weg zur Laguna, nämlich schnurstracks geradeaus, hinauf auf den höchsten Grat, um von dort die beste Sicht zu haben. Auch wenn es anstrengend war: Bestanden haben wir alle und wurden mit dem Blick auf einen überirdisch blauen Gebirgssee belohnt, an dessen einer Seite der Gletscher bis ans Ufer reichte.

Ein See, ein Bergpass und ein Opfer für Pachamama

So schön, wie der erste Tag endete (abgesehen von der bitterkalten Nacht und dem wieder viel zu frühen Aufbruch), so schön ging es am zweiten Tag weiter. Jetzt stand nämlich der Aufstieg zum Salkantay-Pass an. Und das hieß, wir schraubten uns langsam aber sicher Richtung Berge und noch mehr Schnee. Was für ein Gefühl, dort oben durch das Weiß zu stapfen und sich dabei die Sonne aufs Gesicht scheinen zu lassen. Und dann überall die schneebedeckten Berge und der strahlendblaue Himmel im Hintergrund.

Klar, dass das mit Gruppenfotos, Keksen und viel, viel Staunen gefeiert wurde. Aber Veronica hatte noch etwas anderes mit uns vor. Denn in Peru (und den vielen Steinhaufen nach zu urteilen auch anderswo) ist es üblich, auf solchen Wanderungen und an bestimmten Orten der Pachamama, der Mutter Erde, zu gedenken und ihr ein kleines Opfer darzubringen. Veronica erklärte uns, dass man damit auch ein kleines Stück von sich selbst an diesem Ort lässt (weshalb es ganz praktisch ist, wenn man das nur an sehr schönen Orten tut, die einen bewegt haben).

Wir suchten uns also jeder einen kleinen Stein am Weg und brachten ihn zu einem Punkt, der etwas weiter auf dem Pass lag. Hier sprach Veronica eine kleine Zeremonie und legte drei Koka-Blätter unter einen ersten, größeren Stein. Unsere Steine setzten wir dann der Größe darauf, einen nach dem anderen. Zu guter Letzt öffnete Veronica eine kleine Flasche Bier, denn auch Alkohol (und Zigarrenrauch) werden Pachamama geopfert. Der erste „Schluck“ wurde daher über unseren steinernen Turm gegossen, der Rest wurde brüderlich und schwesterlich geteilt.

Hinab in den Wald

Solchermaßen spirituell gesegnet und gesichert, traten wir den Weg hinab ins nächste Tal an. Sehr schnell wandelte sich die Landschaft und kaum dass wir uns versahen, wanderten wir schon durch Regenwald, der sogar entfernt an den unseres Ciudad Perdida Trecks erinnert.

Hier gab es jetzt auch pflanzentechnisch wieder mehr zu sehen. Veronica zeigte uns unter anderem wild wachsende Physalis, einen kleinen Bambus, der für Panflöten verwendet wird, diverse Heilpflanzen und niedliche kleine Farngewächse.

Nach zehn Stunden Trekking erreichten wir schließlich unser Camp, welches zwar ähnlich einfach war wie das erste, aber immerhin eine etwas wärmere Nacht versprach. Und die phantastische Verpflegung durch die mitreisenden Köche sollte ohnehin auch unsere Camping-Stunden um so viel einfacher machen.

Camp- und Dorfleben

Gemessen an den ersten beiden Tagen war der dritte Tag ziemlich unspektakulär. Für einige wenige Stunden wanderten wir entlang des Tals, wobei Carina diesen Teil leider nicht mitmachen konnte. Sie hatte sich schon seit mehreren Tagen nicht so gut gefühlt und jetzt spielten Magen und Kopf richtig verrückt. Wir trafen sie dann zum Mittagessen wieder, wo es mit ihr schon langsam wieder bergauf ging. Von dort fuhren wir mit Bussen zum dritten Camp und während der Rest der Gruppe sich aufmachte, um in den nicht ganz so nah gelegenen Thermalquellen zu baden, entschieden wir vier uns für einen gemütlichen Nachmittag im Camp.

Während Cordula und Jan es sich auf der Terrasse, auf der auch unsere Zelte aufgebaut waren, gemütlich machten, erkundeten Carina und ich mit unseren Kameras das Camp und das Dorf Santa Teresa. Im Camp waren uns vor allem die „Blumentöpfe“ aufgefallen, die in allen Bäumen hingen und die aus den von früheren Treckern vergessenen Schuhen, Taschen und sogar Unterhosen bestanden. Das nenne ich mal kreatives Recycling!

Das Dorf selbst zeigte die typische Mischung aus heruntergekommenen Häuschen, kleinen Tante-Emma-Läden und Streetfoodständen, einem zentralen Platz und einigen Touristenfängern. Verwundert waren wir darüber, dass im Dorf und speziell auf dem Marktplatz kaum etwas los war. Heute war schließlich peruanischer Nationalfeiertag! Eine junge Frau klärte uns später darüber auf, dass die großen Feiern erst an den kommenden beiden Tagen stattfinden würden. Heute gab es nur einen kleinen Umzug, der mehr an eine Demonstration erinnerte, und etwas, das sehr nach populistischer Wahlkampfveranstaltung klang.

Hui, das geht schnell

Den Großteil des Fußmarsches hatten wir zu diesem Zeitpunkt hinter uns. Nach den heißen Quellen des Vortags stand am kommenden Morgen ein weiterer, optionaler Programmpunkt an. Und diesen wollten wir uns nicht entgehen lassen: Einmal Zipline für alle, bitte!

Wir hatten solche Ziplines bereits in Baños in Ecuador gesehen. Dort wirkten sie aber wenig vertrauenserweckend. In die im peruanischen Dschungel setzten wir größere Hoffnungen. Ich erinnerte mich noch daran, wie viel Spaß es mir Südafrika gemacht hatte, diese über Canyons und Bergtäler hinweg gespannten Seile entlangzurasen und hoffte auf ein ähnlich tolles Erlebnis.

Die anfänglichen Bedenken waren schnell überwunden, nachdem wir alle unsere erste Zipline hinter uns hatten. Noch vier weitere warteten auf uns, eine länger und schneller als die nächste. Bis zu 100 km/h erreicht man hier angeblich. Wir können das weder bestätigen noch verneinen, denn so weit weg vom Boden verliert man ganz schön das Gefühl für die Geschwindigkeit. In jedem Fall ist das Ganze immer viel zu schnell zu Ende, gerade wenn man anfängt, sich so richtig wohl beim durch-die-Luft-Fliegen zu fühlen. Immerhin schaffte ich noch eine Strecke über Kopf, bevor wir unser Gurtzeug wieder abgeben mussten.

Schienen, Schienen, Schienen

Ansonsten ist der vierte Tag des Trecks landschaftlich ein kleiner Reinfall, er ist aber notwendig, um nach Aguas Calientes zu kommen, von wo aus man dann hinauf nach Machu Picchu steigt. Und zu allem Überfluss mussten wir ab hier auf „unsere“ Köche verzichten und für einen Tag auch auf Veronica, die sich mit einem kleinen Teil der Gruppe auf den direkten Weg nach Machu Picchu gemacht hatte. Onoratos Desinteresse überlassen, machten wir mit viel Galgenhumor das Beste aus der Sache und uns auf den Weg entlang der berüchtigten Schienen nach Aguas Calientes.

Auf diesem einspurigen Gleis fahren die Züge zwischen Hidroelectrica (welches wie der Name schon sagt vor allem aus einem Wasserkraftwerk besteht) und Aguas Calientes (welches vielleicht aufgrund der endlich wieder verfügbaren warmen Duschen so benannt ist?) hin und her. Meist kündigen sich diese Züge mit lautem Tuten an, damit alle Wanderer sich ausreichend weit von den Gleisen entfernen können. Denn auch wenn es verboten ist: An manchen Stellen kann man nur im Gleis laufen, um über kleine Gräben etc. zu kommen. Lediglich einmal schien der Zugführer das vergessen zu haben, und das ausgerechnet an der Stelle, an der Jan und ich gerade über so einen Graben liefen und aufgrund der davor liegenden Kurve den Zug nicht sehen konnten. Hui, das war knapp!

Abgesehen von diesem kurzen Herzinfarktmoment ist diese dreistündige Wanderung tatsächlich das Ermüdenste, was auf dem ganzen Treck geschieht. Immer nur Schotter, Schienen, Schotter, Schienen. Da entschädigt auch nicht der erste, ganz zaghafte Blick auf die Ausläufer von Machu Picchu ganz weit oben in den Bergen.

Mann, ist das kompliziert

Die ganze Bürokratie rund um den Einlass ist vielleicht verständlich, wenn man bedenkt, wie populär Machu Picchu geworden ist und wie groß der Ansturm zu jeder Jahreszeit ist. Früher war es nur 2.500 Besuchern pro Tag erlaubt, die Inka-Stätte zu betreten. Irgendwann dachte sich ein pfiffiges Kerlchen ein simples, aber leider auch sehr ärgerliches System aus, wie man die Einkünfte trotzdem verdoppeln konnte: Heute sind die Tickets für Machu Picchu entweder für sechs Stunden am Vormittag oder für sechs Stunden am Nachmittag gültig. Das macht 5.000 Besucher pro Tag, ohne das Limit zu einem gegebenen Zeitpunkt zu überschreiten.

Das heißt aber auch, dass jeder, wirklich jeder wahnsinnig gehetzt ist und der erste am Eingang sein möchte. Denn wer will nicht das berühmte Machu Picchu Foto ohne hunderte Touristen darin machen? Die Tore zu den Ruinen öffnen sich um sechs Uhr morgens. Die Schranken zur Brücke unten am Berg öffnen sich allerdings „erst“ um fünf Uhr. Man hat also eine Stunde, um entweder zu Fuß die Treppen hochzusteigen oder mit dem Bus hinaufzufahren.

Das wiederum bedeutet, dass sich schon um vier Uhr morgens lange Schlangen vor den Bussen und vor der Brücke gebildet haben und man gut daran tut, sehr, sehr früh aufzustehen. Cordula, Jan und ich taten dies und standen tatsächlich als erste am kleinen Brückenwärter-Häuschen, nachdem wir Carina bei den Bussen zurückgelassen hatten. Sie wollte sich die Treppen nicht antun und im Nachhinein weiß ich, dass das die klügere Wahl war.

Treppen, Treppen, Treppen

Über eine Stunde warteten wir also vor der Brücke, aßen unser karges Frühstück und unterhielten uns ein wenig mit dem Brückenwärter über die Hunde, die jeden Morgen ebenfalls an der Brücke warten und mit den Touristen die Treppen hinaufsteigen. Dann ging Punkt fünf das Tor auf und es begann der große Sturm auf die Treppen. Erstaunlich, wie viel Energie manche Menschen aufwenden, andere rüpelhaft und halb rennend zu überholen, nur um zehn Minuten später nach Luft japsend Pause machen zu müssen.

Ich kann sie ja verstehen. Der Zeitdruck sitzt einem höllisch im Nacken, denn wenn die ersten Busse oben sind, dann kann man die Poleposition in der Schlange vergessen. Auch wir haben uns ganz schön gehetzt und selten war ich so erschöpft und fertig wie auf diesen Treppen. Meine Regenjacke war innen komplett nass und ich verstehe bis heute nicht, wie Cordula den Aufstieg in 36 Minuten und Jan in 42 Minuten schaffen konnten. Ich selbst lag am Ende bei 48 Minuten und hätten die beiden keinen Platz in der Schlange freigehalten, so hätten schon mehrere Busladungen vor mir gestanden.

Und dann: Wow!

All diese Mühen waren bald (und für eine Weile) vergessen. Als sich nämlich die Tore zu Machu Picchu öffneten und wir nach wenigen Schritten unseren ersten Blick auf die Inka-Stadt werfen konnten. Niemals hätte ich gedacht, dass Machu Picchu so viel mehr ist als dieses eine, weltweit bekannte Bild ist. Dass es eine ganze, fast intakte Stadt ist. Dass der Anblick dieser nicht-wirklich-Ruinen im ersten Morgenlicht so unglaublich schön ist. Und dass man sich manchmal gar nicht entscheiden kann, wer jetzt eigentlich die Hauptrolle in der ganzen Szenerie spielt: Die steinernen Gebäude oder die Berge, Bergketten, Bergspitzen.

Nur ein paar kleine Informationshappen

Soll ich euch wirklich mit noch mehr Geschichte langweilen? Einer Geschichte, von der wir leider nur die Hälfte auf Veronicas Führung (die am Vorabend glücklicherweise wieder zu uns gestoßen war) mitbekamen, weil wir noch eine „Verabredung“ hatten. (Aber dazu gleich mehr, denn dann kommt auch meine große Lehrstunde…)

Vielleicht nur so viel: Das Besondere an Machu Picchu ist, dass diese heilige Stadt der Inkas nie von den Konquistadoren entdeckt wurde und damit der Zerstörung entging, der so viele andere Heiligtümer zum Opfer fielen. Es muss eine der letzten Zufluchtsstätten der Inka gewesen sein, aber so ganz sicher weiß das niemand. Die Stadt war komplett autark, durch ihre Lage leicht zu verteidigen, war aber zusätzlich noch durch riesige Mauern geschützt. Gleichzeitig gibt es starke Hinweise darauf, dass die Stadt nicht „fertig“ war, als sie aufgegeben wurde. Viele Gebäude wurden nie fertiggestellt.

Machu Picchu beherbergte neben verschiedener Tempel und zeremonieller Stätten auch eine Universität, die wohl vor allem jungen Frauen vorbehalten war. Darauf deutet zumindest die große Anzahl weiblicher Mumien, die hier gefunden wurden, hin.

Ansonsten gibt es leider nicht viele Fundstücke aus Machu Picchu, obwohl man vermutet, dass die Stadt voll von Gold- und anderen Schätzen war. Wo diese geblieben sind? Auch hier gilt nichts als gesichert, es gibt aber wohl Vermutungen, dass der offiziell „wissenschaftliche Entdecker“ Machu Picchus, Hiram Bingham, auf einer seiner Expeditionen zu verschiedenen Inkaruinen vieles davon mitgenommen hat, bevor er der westlichen Welt die Existenz Machu Picchus offenbarte.

(Bezeichnenderweise wussten die indigenen Völker schon immer von Machu Picchu und scheinbar war die Stadt auch noch bis ins 17. Jahrhundert bewohnt.)

Der Berg, der mich besiegte

Der Grund, warum wir die Führung vorzeitig verlassen mussten war, dass wir ein Kombiticket für Machu Picchu gebucht hatten. Neben dem Eintritt in die Stadt konnten wir damit auch einen der beiden Berge, die Machu Picchu einrahmen, besteigen. Nicht den so häufig fotografierten Wayna Picchu, sondern den auf der anderen Seite gelegenen Montaña Mountain. Auch hier allerdings gilt ein strenges Zeitregime und man muss zwischen sieben und acht Uhr am Einlass sein.

Hätten wir uns das Geld dafür nur gespart! Oder hätten wir am Morgen wenigstens den Bus nach oben genommen. Schon beim Aufstieg zum Eingang Montañas merkte ich, wie kaputt und fertig ich war. Und keine fünf Minuten später ging gar nichts mehr. Vor lauter Frust und Verzweiflung konnte ich nur noch heulen. (Wenn ich auf ein paar der Fotos etwas verquollen aussehe, dann liegt es daran. Die ungeschminkte Wahrheit eben.)

Jan überredete mich schließlich, vernünftig zu sein und gemeinsam umzukehren. Es fühlte sich wie eine Niederlage an, war aber das einzig Richtige. Statt mich mindestens anderthalb Stunden auf diesen Berg zu quälen (ich hätte vermutlich zwei Stunden oder länger hinauf gebraucht und noch einmal eine Stunde hinunter), konnten wir die Zeit viel besser und entspannter innerhalb der Stadt verbringen. Zumal wir während des Aufstiegs wieder nur Treppen und ein bisschen Dschungel gesehen und erst ganz am Ende einen tollen Ausblick auf Machu Picchu gehabt hätten.

Viel zu entdecken

Nachdem ich mich wieder einigermaßen im Griff hatte (und mich fünfhundert Mal bei Jan entschuldigt hatte…) machten wir natürlich auch „unser“ Machu Picchu Bild.

Daneben gibt es aber noch so viel mehr zu entdecken (und zu fotografieren). So viele Gebäude und Stadtteile, die spezifische Funktionen hatten oder einer bestimmten Berufsgruppe als Wohn- und Arbeitsstätten dienten. So viele interessante Blickwinkel, so viele Mutmaßungen und Spekulationen, zu denen Machu Picchu anregt!

Stellvertretend seien nur zwei genannt: Inmitten der Stadt befindet sich ein halbrundes Gebäude, der Sonnentempel. Seine perfekt aneinandergefügten, glatten Steine beweisen, dass es sich um ein extrem wichtiges Gebäude gehandelt haben muss. Zur Erinnerung: Alle Steine sind ohne Mörtel, ohne Zement miteinander verbunden!

Der Tempel hat eine seltsam geformte „Tür“öffnung und zwei trapezförmige Fenster. Durch eines dieser Fenster fällt das Licht zur Sommersonnenwende am 21. Juni direkt in die Vertiefung eines Felsentisches in der Mitte des Turmes.

Weiter oben in der Stadt, direkt neben der Stelle, von der aus das berühmteste alle Machu Picchu Bilder gemacht wurde, liegt ein seltsam geformter Granitblock. Dies ist der Intiwatana, der „Ort, an dem die Sonne angebunden wird“. Ähnliche Steine muss es an allen heiligen Inka-Stätten gegeben haben, aber dies ist der einzige, bei dem der aufragende Sporn noch erhalten ist. Überall anders fiel er dem missionarischen Eifer der Konquistadoren zum Opfer.

Der Intiwatana diente wohl der Bestimmung von Sonnenlauf, Tageszeit, Sternenbildern und Planetenbahnen. Er war sozusagen so etwas wie eine extrem komplexe Sonnenuhr (auch wenn ich beim besten Willen nicht verstehe, wie das funktioniert haben soll). Außerdem spielte er eine zentrale Rolle in dem Inti-Raymi-Fest Ende Juni zur Sonnenwende. An ihm wurde nämlich die Sonne „angebunden“ damit sie während der kürzer werdenden Tage nicht völlig verschwünde.

Welche Baukunst!

Jetzt klingt das alles so absolut und unverrückbar, nicht wahr? Behaltet aber im Kopf, dass nichts wirklich gar nichts im Bezug auf die Inka und ihre Kultur hundertprozentig gesichert ist. Es gibt nur wahrscheinlichere (oder populärere) Theorien und weniger wahrscheinlichere.

Als einigermaßen sicher gilt allerdings, wie diese großen Granitsteine in so perfekte Form gebracht wurden und das ist ja eine Frage, die fast jeder hat, der einmal vor Inka-Ruinen gestanden hat. Wenn sich die Baumeister und Handwerker keiner natürlichen Risse im Stein bedienen konnten, so bohrten sie Löcher entlang der gewünschten Fläche. In diese Löcher steckten sie Holz und füllten anschließend Wasser hinein.

Das aufquellende Holz sprengte den Felsen in die gewünschte Form. Den Feinschliff erhielt der Granitblock dann, indem die Flächen mit Sand und Wasser poliert wurden. Alles in allem brauchte man damals wohl drei bis vier Tage, um einen einzigen Stein herzustellen. Ich glaube ja, dass wir mit unseren modernen Hilfsmitteln gar nicht so viel schneller wären und auf keinen Fall präziser…

 

Viel zu schnell sind die Stunden in Machu Picchu verflogen. Und egal, wie viele Menschen neben uns noch dort waren (ja, manchmal wünschte man sich, es wären zumindest ein paar hundert weniger), egal, wie blöd die Sache mit Montaña gelaufen ist, wir sind so unglaublich froh, dort gewesen zu sein und dieses Wunder erlebt zu haben.

 

Hinweis: So lange es geht nutzen wir noch den Umstand, dass wir in einer Gruppe mit Freunden reisen, die gerne und gute Fotos schießen. Das sechste (Jan und ich) und siebte (Holzbrücke) Foto in der ersten Gallerie, die beiden letzten Fotos in der dritten Gallerie (Landschaft mit Grasbüschel, Gruppenfoto) und die beiden letzten Fotos in der “Schienen”-Gallerie (ich auf Schienen und Schienen von unten) gehören Carina Esser.

10 Comments

  1. Wieder danke fürs Posten. Und Maria Kopf hoch man kann nicht jeden Berg erklimmen. Seit einfach dankbar dafür, dass ihr nicht Tage vorher vom Zug überrollt worden seit und dass eure Reise ohne Trauerfall weitergehen kann.
    Und wenn ihr warme Nächte braucht, dann könnt ihr gerne jederzeit wieder nach Deutschland kommen 😉 Noch ist Platz in unserer Bude. Aber das ist bestimmt nicht in eurem Sinne. Liebste Grüße Sabrina

    Mina
    1. Du hast natürlich recht, und wir waren am Ende auch sehr dankbar, dass wir eben nicht den Zug zurück genommen haben, sondern den vermeintlich unsichereren Bus. Trotzdem war in dem Moment am Montaña der Frust einfach riesig groß. Vielleicht spielte auch mein erstes Reisetief schon hinein. Wer weiß. Aber am Ende war dann ja doch alles wieder gut.
      Deshalb werden wir wohl Euer Angebot ausschlagen müssen, auch wenn es wirklich sehr, sehr verlockend ist! ?

  2. Wenn der Körper sagt: Hier geht jetzt nix mehr, dann sollte man darauf hören, Versagen ist das dann überhaupt nicht ,sondern Vernunft. Es tat mir so leid, dass du so traurig warst, das nicht geschafft zu haben, aber ihr seid schon so viel hinauf- und heruntergekraxelt, für “Flachländer” schon einmal eine sagenhaft tolle Leistung, da darf man auch mal sagen, dass man jetzt mal eine Pause braucht. Gönnt euch etwas Ruhe und dem Körper etwas Regenerationszeit, die Höhe, in der ihr euch ständig bewegt ist schließlich auch nicht ohne.
    Ich bin ganz hingerissen über die tollen Fotos und staune über die Bauten der Inkakultur. Dass es noch so viel zu sehen gibt hätte ich nicht gedacht. Ich freue mich auch immer sehr über die lustigen Fotos, die ihr von euch oder eurer jeweiligen Gruppe macht. Die “platten Mädels” habe ich ganz besonders klasse gefunden. ?

    Kirsten55
    1. Ja, das stimmt. Wir haben nach diesem Treck auch gemerkt, dass unsere Muskeln langsam leer sind. Inzwischen hatten wir aber ein paar Tage Ruhe ohne große Anstrengung und schon fühlen wir uns wieder ziemlich fit. Die Höhe ist inzwischen ja glücklicherweise kein Problem mehr, auch wenn Treppensteigen u.ä. hier oben weiterhin schwieriger sind als auf Meeresniveau…

  3. Ich sage im Bezug aufs Wandern: Hut ab, dass ihr so viele Gruppenwanderungen übersteht! Ich bin meistens alleine unterwegs gewesen, oder mit wechselnden Gruppen (je nach Geschwindigkeit). Ich denke, es ist um einiges schwerer, dauerhaft mit einer Gruppe und unter Zeitdruck zu wandern.

    Aber dann wiederum wäre ich wahnsinnig gerne dabei gewesen, denn eure Fotos von Machu Picchu sehen toll aus und dieser Ort ist auch auf meiner Bucket List. 🙂
    Ich wünsche euch noch viele tolle Erlebnisse in (nun aktuell) Bolivien und freue mich auf alle Berichte und Fotos, die ihr mit viel Arbeit und Zeitaufwand für uns aufarbeitet!!!

    1. Och, die Gruppenwanderungen sind meist gar nicht so schlecht. Die unterschiedlichen Geschwindigkeiten gleichen sich meist ganz gut aus. Und für uns ist das hier in Südamerika gerade die einzige Möglichkeit, Mehrtageswanderungen zu unternehmen, ohne großes Campingequipment zu kaufen und mitzuschleppen.

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